Alevitischer Abend mit vielen Erkenntnissen

5. Februar 2014 | Kategorie: Leitartikel

Am 23.01.2014 stellte das Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V. im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Studie „Dersim-Aleviten in Deutschland – Gelebter Glaube oder verlorene Identität“ vor. Das Thema wurde im Gespräch mit den Gastkommentatoren Dr. Klaus Gebauer und Yilmaz Kahraman erörtert. Einen ausführlichen Bericht über die Veranstaltung können Sie hier lesen.

 


Bericht von Bartosz Bzowski

Buchvorstellung, Aleviten-Studie, Free Pen Verlag

Mika Wagner, Foto: Jürgen Eis

Sehr gut besucht war am 23. Januar das MIGRApolis-Haus der Vielfalt. Rund 60 Gäste verfolgten die Vorstellung des neuen Buches „Dersim-Aleviten in Deutschland – Gelebter Glaube oder verlorene Identität“ mit anschließender Diskussion. Die Studie wurde vom Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM e.V.) durchgeführt und von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, den Integrationsagenturen sowie vom Arbeits- und Integrationsministerium Nordrhein-Westfalen gefördert.

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Mika Wagner die Studie vor. Diese bestand aus drei Teilen: Aleviten in der Migrationsforschung, den Ergebnissen der Befragung sowie der Geschichte der Aleviten.

Buchvorstellung, Aleviten-Studie, Free Pen Verlag

Mika Wagner, Dr. Dietmar Schubert, Dr. Klaus Gebauer, Dr. Hidir Ҫelik, Yilmaz Kahraman (v.l.n.r), Foto: Jürgen Eis

Über Aleviten gibt es keine offiziellen Statistiken, sondern nur Schätzungen. Danach leben rund 800.000 Aleviten in Deutschland. Bisher gibt es nur wenige Studien über sie, und oft werden sie marginalisiert und fälschlicherweise den Muslimen zugeordnet, waszunehmend auf Kritik stößt.

Befragt für diese Studie wurden 65 Personen aus Dersim im Alter von 15 bis 71 Jahren, zwei Drittel davon waren männlichen Geschlechts, und die meisten haben einen Universitätsabschluss. Es gab ve rschiedene Gründe für die Einwanderung nach Deutschland. Während für die Einen im Zuge der Arbeitsmigration in den 1960er Jahren ihre Heimat verließen, flohen die Anderen vor politischer Verfolgung vor allem nach dem Militärputsch von 1980. Wiederum zog eine dritte Gruppe im Rahmen der Familienzusammenführung zu.

Buchvorstellung, Aleviten-Studie, Free Pen Verlag

Dr. Klaus Gebauer, Foto: Jürgen Eis

 

Zu 80% fühlen sich die Befragten nicht als Muslime. Das ist ein anderes Ergebnis als bei bisherigen Befragungen, wo sich Aleviten mehrheitlich als einen Abzweig des Islam gesehen hatten. In dieser Studie wurden vor allem die Unterschiede zum muslimischen Glauben und auch zu anderen Religionen betont. So bleibt bei den Aleviten die Ausübung des Glaubens jedem Einzelnen und dessen Gewissen überlassen, es gibt keine religiösen Dogmen. Im Mittelpunkt der Religion stehen die Prinzipien des Teilens, der Toleranz, der Nächstenliebe und der Aufrichtigkeit. Eine wichtige Rolle spielt die Gemeindeversammlung (Cem), das Muharam-Fasten und die Feste Hizir und Gagan.

Buchvorstellung, Aleviten-Studie, Free Pen Verlag

Dr. Hidir Ҫelik, Yilmaz Kahraman (v.l.n.r), Foto: Jürgen Eis

Bei der Geschichte der Aleviten wurde die These von Klaus Gebauer über die „Maskenidentifikation“ angesprochen. Danach haben sich Aleviten selbst als Muslime bezeichnet, um sich vor politischer und religiöser Verfolgung zu schützen.

Daran anschließend stellte Yilmaz Kahraman, der Bildungsbeauftragte der Alevitischen Gemeinde Deutschlands (AABF), den Verein vor. Er ist zuständig für alle alevitischen Religionslehrer. Seit 2007 sind Aleviten eine anerkannte Religionsgemeinschaft, und wird mittlerweile in allen „alten“ Bundesländern alevitischer Religionsunterricht angeboten. Kahraman sprach die immer noch starke politische Verfolgung der Aleviten in der Türkei an. Es gibt in Deutschland 150 Ortsgemeinden, die zum Dachverband gehören, und einen sehr gut organisierten und arbeitenden Jugendverband.

Im abschließenden Diskussionsteil gingen die Autoren der Studie, Mika Wagner und Hidir Celik, sowie Kahraman und Gebauer auf die Ergebnisse ein und gingen auf Fragen des Publikums ein. Die Frage, warum gerade Aleviten aus Dersim die Zielgruppe waren, beantwortete Celik, dass die größte Gruppe der Aleviten in Deutschland, etwa 150.000 bis 200.000, aus der Region Dersim stammt. Dort befindet sich das „Mekka der Aleviten“, und die Einwohner erfahren vom türkischen Staat eine doppelte Diskriminierung als Dersimer und Aleviten.

Insgesamt brachte die mehr als zwei Stunden dauernde Veranstaltung dem Publikum viele neue Erkenntnisse über ein sehr interessantes Thema, was leider bisher nur wenig erforscht wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Studie des BIM ein großer Schritt ist, die Aleviten der breiten Öffentlichkeit näher zu bringen.

(Hier veröffentlicht am 05.02.2014)

 

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