Dersim-Aleviten in Nordrhein-Westfalen

Wer genau sind die Aleviten? Eine gemäßigte Richtung des Islam oder eine eigenständige Religion? Wie viele gibt es von ihnen in Deutschland und wieso sind sie immer noch relativ unbekannt? (Wie) leben die befragten ehemaligen Dersimer ihren Glauben und wie steht es um die alevitische Identität insgesamt?

Innerhalb der Migrations-, Islam-, und Integrationsdebatte, die sich in Deutschland häufig insbesondere um aus der Türkei stammende Mitbürger und Mitbürgerinnen dreht, ist es von großer Bedeutung, zu unterscheiden, zu welchen Religions- und ethnischen Gemeinschaften Migranten aus der Türkei gehören. Pauschalisierungen und falsche Zuordnung bezüglich der ethnischen, nationalen und religiösen Zugehörigkeit der Menschen aus der Türkei führen zu Fehldeutungen in politischen Diskursen. Durch die Vernachlässigung von Unterscheidungsmerkmalen wird – insbesondere auch in repräsentativen wissenschaftlichen Studien – ein ungenaues bzw. gar kein Bild von Aleviten gezeichnet und Migrationsprobleme zu sehr verallgemeinert.

Studie

In der Studie “Dersim-Aleviten in Deutschland – gelebter Glaube oder verlorene Identität?” wird auf einige zentrale Beiträge aus der wissenschaftlichen Diskussion zu Aleviten eingegangen und ein kritischer Blick auf die Vorgehensweise in repräsentativen Studien geworfen. Außerdem werden Ergebnisse einer selbst durchgeführten Befragung unter 65 in Deutschland lebenden Alevitinnen und Aleviten aus Dersim (Schwerpunkt Nordrhein-Westfalen) vorgestellt. Sowohl anschaulicher als auch wissenschaftlicher Form werden Themen wie alevitisches Selbstverständnis und Identitätssuche, Integration in Deutschland und Vergangenheitsbewältigung dargestellt und diskutiert.

In seinem ausführlichen Gastbeitrag beleuchtet der Historiker Klaus Gebauer zudem die vielschichtige Historie des Alevitentums, auf dessen Spuren er sich bis in die Zeit der neolithischen Revolution begibt. Zudem findet er Wurzeln dieses Glaubens und alevitischer Überzeugungen beispielsweise in der griechischen Tradition der Antike. Maßgebend sind dabei vor allem das Gottesbild und die Riten. Das verstärkt die These, dass das Alevitentum in seinem Kern eine ursprünglich anatolische und sehr viel ältere Religion ist als Islam oder Christentum.

Ein Ergebnis ist, dass es sich allemal lohnt, genauer hinzusehen: gerade auch unter aktueller Hinsicht ist das Alevitentum ein eigenständiges Forschungsfeld, in dem es noch einiges zu entdecken gibt.

Über die Autoren

Hıdır Çelik, geb. 1960, Dr. phil.(Politikwissenschaft und Soziologie). Vorstandsvorsitzender des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM e.V.),  Leiter der ev. Flüchtlingsberatungsstelle EMFA, Lehrauftrag an der Universität zu Köln, Verfasser mehrerer Sachbücher und literarischer Werke.

Klaus Gebauer, geb.1940, Dr. phil.(Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie). Bis November 2005 tätig am Landesinstitut für Schule (NRW) in Soest und dort zuständig für die Lehrplanentwicklung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sowie Religionslehren. Seit 1979 betreute er in diesen fachlichen Bereichen die Entwicklung von ca. 160 Lehrplänen, davon ca. 30 im Bereich der Religionslehren: Evangelischer, Katholischer, Orthodoxer und Jüdischer Religionsunterricht sowie Alevitischer Religionsunterricht und Islamkunde.

Mika Wagner, geb. 1971, M.A.(Soziologie, Philosophie, Kommunikationsforschung). Mehrere Jahre tätig unter anderem in der empirischen Sozialforschung, seit November 2012 engagiert im BIM e.V.

Zum Reinlesen in die Studie, bitte hier anklicken.

 

Podiumsdiskussionplakat_aleviten23.01.2014_Bild

Das Bonner Institut für Migrationsforschung und interkulturelles Lernen will Forschungsergebnisse nicht nur einem kleinen Kreis von Forschenden oder einschlägig vorgebildeten Personen zur Verfügung stellen, sondern legt auf eine weite Verbreitung der Erkenntnisse. Diese sollen letztendlich auch als Grundlage für ein offenes, verständnisvolles Miteinander von Bevölkerungsgruppen mit und ohne sowie unterschiedlicher Migrationsgeschichte dienen. Unter dieser Maßgabe wurde die Studie  “Dersim-Aleviten in Deutschland – gelebter Glaube oder verlorene Identität?” dann auch im Rahmen des „Politischen Forum“ am 23.01.2014 um 18 Uhr im Bonner MIGRApolis-Haus der Vielfalt vorgestellt und mit den Gastkommentatoren  Dr. Klaus Gebauer und Yilmaz Kahraman erörtert.

Die Leitung der Veranstaltung hatte Dr. Hidir Çelik,  die Moderation übernahm Dr. Dietmar Schubert und die allgemeine Einführung in die Studie die Autorin Mika Wagner.

 

Einen ausführlichen Bericht zur Studien-Vorstellung im Rahmen der Podiumsdiskussion am 23.01.2014 können Sie hier lesen.

Die Präsentation der Folien können Sie hier sehen.

 

Die Studie können Sie hier beim FreePen Verlag bestellen.