Aus dem Milieu der Nacht – Girogos Krommidas zu Gast bei den Bonner Ausblicken im Mai

2. Juni 2014 | Kategorie: Artikel

Giorgos Krommidas ist eine schillernde Persönlichkeit unter den in der Region lebenden Autoren. Als etwa zwanzigjähriger junger Mensch kam er aus seiner nordgriechischen Heimat nach Deutschland, um hier ein Studium aufzunehmen. Jedoch ist alles dann ganz anders gekommen. In seinem literarischen Werk schöpft Giorgos Krommidas, als Dichter und Erzähler, nicht zuletzt aus seinem Werdegang als ehemaliger Zocker und Casinobesitzer in den Zeiten, als er so etwas wie eine gleichermaßen bekannte als auch geschätzte Persönlichkeit im Milieu der Nacht war. Über seine Lesung im MIGRApolis-Haus der Vielfalt am 21. Mai 2014 können Sie hier einen Bericht lesen.


 

 

Bericht von Jutta Reimann-Poigné

Eine  anregende Veranstaltung erwartete das Publikum der „Bonner Ausblicke“, als Giorgos Krommidas am 21. Mai im Haus Migrapolis eine Lesung hielt.

 

Krommidos wurde 1936 in Kavallla/Griechenland geboren. Da sein Vater früh starb, wuchs er  in einer „Welt der Frauen“ auf. Der Junge genoss diese Welt, liebte und verehrte seine drei Schwestern. Die Zuneigung zur Frau sollte sein weiteres Leben beeinflussen. Schon als Kind schrieb er viel, z. B. Liebesbriefe. Seine künstlerische Ader zeigte sich aber auch in seiner Neigung zum Gesang. Seine Auftritte im Kirchenchor seien „umwerfend gewesen, manch eine Zuhörerin sei entzückt in Ohnmacht gefallen“.

K. absolvierte sein Abitur in Griechenland und wollte im Anschluss in Deutschland Architektur studieren. Mit diesem Ziel kam er 1961 nach Bonn. Aus dem Architekturstudium wurde nichts, denn „in Bonn lachte das Spielen“. Er verfing sich in der Welt der Zocker, zunächst als Croupier, dann als Inhaber von Spielcasinos. Über diese Zeit, ihre Höhen und Tiefen, spricht der Autor offen. Spieler und Gottsucher seien ähnlich, philosophiert er. Beide würden glauben –  Spieler an ihren Sieg.

Als  seine geliebte Freundin ihn 1984  wegen seiner Spielsucht verlässt, bricht für Krommidos die Welt zusammen.  Sie spuckt ihn, den Nachtmenschen, aus in die Belanglosigkeit des Tages. Aber er schafft ihn, den kalten Entzug, zockt fortan nicht mehr. Der einstmals reiche Casinobesitzer wird Kassierer in einer Bonner Tiefgarage, muss von wenig leben, denn der „Sieg“ war ja immer nur vorübergehend gewesen.

Krommidos hat wenig an Besitz, aber er hat Papier und Kugelschreiber,  fängt wie besessen zu schreiben an. Er, der viele Jahre kaum mehr als seinen Namen hatte schreiben müssen, beginnt zu dichten, auf Deutsch, der Sprache seiner neuen Heimat. Die Verse scheinen sich ihm aufzudrängen, 1987 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband Tagebuch einer Trennung.

Er weiß, dass die Trennung ihn vermutlich gerettet hat, aber hadert mit seinem Schicksal: Die Trennung von dieser Frau/war für dich das göttliche Angebot,/ hat mir mal ein Freund gesagt./ Es ist lange her, aber immer noch/frage ich ihn:/ Warum tut dein Angebot so weh?

Schön zu sehen, dass diese geliebte Frau den Weg zurück zu ihrem Giorgos gefunden hat und an diesem Abend an seiner Seite ist.

 

Die Lesung beginnt mit Passagen aus Die Flügel der Rothkelchen (2001e), dem dritten Roman der Trilogie über den Werdegang seines Helden Kimon. (Weitere Romane: Ithaka, 1989; Der Ölberg, 1996) Wie alle Werke Krommidos ist auch Die Flügel der Rothkelchen autobiographisch beeinflusst

Der erste von Andreas Fieberg vorgetragene Auszug des Romans thematisiert das Leben in einem Dorf im Griechenland zur Zeit der deutschen Besatzung. Von außen blickt der Erzähler in das Leben einer Familie, offenbart deren Angst, ihr überlebensnotwendiges Misstrauen gegenüber dem jeweils anderen im Dorf, in dem deutsche Besatzer, Bulgaren, Mazedonier, Balkanisches Volk, Kollaborateure und Partisanen   in einer Zwangsgemeinschaft leben müssen.

Der Erzähler zeigt die tüchtige Maria, die als Schwarzmarkthändlerin die Familie über Wasser hält, erwähnt aber auch den Verfall von deren Weiblichkeit, denn für ein Schönheitsstreben bleibt beim tagelangen Marschieren in die Berge, beim Organisieren von  Waren für den Schwarzmarkt keine Energie mehr übrig. Auch die Liebe zu den Kindern bleibt so auf der Strecke. Als Konstantin, der Vater, in seiner Geiselhaft in Bulgarien stirbt, zerrinnt der so teuer angehäufte Gewinn aus den Schwarzmarktgeschäften, er wird für den Totenschmaus gebraucht.

Schließlich sind die Kinder erwachsen, machen z. T. Karriere, die eine Tochter als Bildhauerin, die andere als Lehrerin. Kimon, der Junge, macht Abitur und will das Land verlassen, will in Deutschland  studieren. Anschaulich beschreibt der Autor die  Zugfahrt von Thessaloniki nach Deutschland, die Solidargemeinschaft derjenigen, die wenig besitzen, aber das, was sie haben, teilen: Wurst, Ei, Brot und Schnaps. Die Menschen kommen sich notgedrungen sehr nah, erst in Jugoslawien sorgt ein weiterer Waggon für mehr Luft zum Atmen.

In Deutschland wird es nichts mit dem Studieren, Kimon beginnt zu zocken. Als seine geliebte Helen ihn verlässt, hadert er mit seinem Schicksal, nimmt Züge fast pathologischen Ausmaßes an, Spielsucht wird von Tablettensucht abgelöst. Schließlich findet er zum Schreiben – besser das Schreiben findet ihn – es ist wie ein Sog. Kimon sucht in Büchern Offenbarung über sein Leben, er hätte gerne ein Zelt in der Bücherei aufgeschlagen. Dabei schreibt er immer weiter, denn: Nimm mich, sagt der Kugelschreiber. Seine Gedichte sorgen für Aufsehen, bald gilt er als begabt.

Dass dieser Drang ins Trudeln/Schlängern gerät, zeigt sich in „Der Ölberg“. Kimon hadert mit seinem neuen Beruf, will in die Nacht zurück, in die verrauchten Casinos, zu den hübschen Mädchen. Der Ausflug erweist sich als Desaster, er scheitert als Geschäftsführer und  wird aufgefordert, weiter Gedichte zu schreiben. In dieser erneuten existentiellen Krise will er zurück in die Heimat. Während  der Zugfahrt hadert Kimon mit sich, seinem Werdegang als Spieler, als Fürst der Nacht, Abhängigem, ist verzweifelt über sein vertanes Leben, dem sein Alter Ego die verratenen  jugendlichen Träume gegenüberstellt.

Gerettet wird er schließlich von seiner geliebten Helen, die zu ihm zurückkehrt.  Nun hat der Grieche ein Ziel: Er möchte ein unsterbliches Liebespaar erschaffen.

 

Von weit her

hörte ich sie rufen.

Ich habe mich umgedreht

und wollte sie sehen.

Konnte ich aber nicht.

Sie hat mir damals das Licht genommen,

als sie ging.

Wie sehr Krommidas mit seiner Literatur Lebenswirklichkeit widerspiegelt, zeigte die sich anschließende angeregte Diskussion über Süchte, das Spielen früher und heute, die Entfremdung, die sich im Bedienen der Automaten zeigt, die die Welt der Nacht übernommen haben.  Wir sehen: Es gibt noch einiges zu Thema zu schreiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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