„Demenz und ältere ZuwanderInnen“ Bericht der Fachtagung im Rahmen der Interkulturellen Woche 2014

12. November 2014 | Kategorie: Artikel

Bericht von J. Michael Fischell

Auf einer gutbesuchten Fachtagung im MIGRApolis-Haus der Vielfalt setzten sich am Freitag, dem 26. September 2014 Akteure aus dem Migrations-, Altenhilfe-, Gesundheits- und dem Sportbereich aus der Bonner Region intensiv mit der Problematik “Demenz bei älteren ZuwanderInnen” auseinander. Veranstalter der Fachtagung war das Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V. in Kooperation mit der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit Bonn (EMFA/ Integrationsagentur), der Bonner Altenhilfe, dem Stadtsportbund Bonn e.V., der Perspektive Global GmbH und der Alzheimer Gesellschaft Bonn e.V.

Aufgrund von Belastungen in der Biografie und in Lebensbedingungen setzen alterstypische Erkrankungen und Beschwerden bei älteren MigrantInnen oft erheblich früher ein. Demenzerkrankungen werden bei ihnen nicht selten erst spät erkannt. Es gibt Hemmungen im Umgang mit Einrichtungen, es fehlen Kenntnisse über Angebote der Altenhilfe, und es wird von Angehörigen von Demenzerkrankten der Wunsch nach mehr Informationen über Bewältigungsmöglichkeiten und existierenden (Hilfs-) Angeboten geäußert. Es mangelt noch an ausgebildeten Demenzbetreuern mit Migrationshintergrund und interkultureller Kompetenz. Dies und der signifikante Anstieg der Zahl der älteren MigrantInnen in den nächsten Jahren schafft neue Anforderungen an kommunale Gesundheits- und Pflegenetzwerke, an niedrigschwellige Versorgungs-, Beratungs- und Angebotsstrukturen. Einigkeit herrschte darüber, durch den Ausbau zielgruppenorientierter Koordination und Kooperation neue Möglichkeiten der nachhaltigen Zusammenarbeit zugunsten der Verbesserung  der Lebenssituation demenziell erkrankter MigrantInnen und ihrer Angehörigen  zu schaffen.

Dr. Hidir Celik gab in seinem Impulsreferat einen kurzen Überblick über die Versorgung „Demenzkranker Migranten und Migrantinnen“ und erörterte Möglichkeiten, die Migrantenselbstorganisationen haben, sich mit der Situation der Betroffenen zu beschäftigen. Er beklagte Defizite in den Versorgungsstrukturen für demenzerkrankte MigrantInnen. Er berichtete, dass entgegen dem Ideal traditioneller Familienpflege, in der Realität die Familien oft überfordert seien, an ihre seelischen und körperlichen Grenzen gehen. Die wertvolle Arbeit der Migrantenorganisationen sollte (nach innen und außen) gefördert werden, und die positiven Potenziale innerhalb der Migrantenorganisationen sollten stärker gesehen und genutzt werden. Sie können, – ob durch Besuchsdienste oder ambulante Betreuung, ob durch Urlaubsbegleitung, Aufklärung oder Beratungsarbeit – maßgeblich entlasten.

MultiplikatorInnen spielen eine wichtige Rolle, um Zugänge zu der Zielgruppe älterer MigrantInnen zu erhalten. Ein wesentliches Problem sei, dass nicht ausreichend MultiplikatorInnen aus Migrantenorganisationen geschult seien, die den Aufbau kultursensibler bedarfsgerechter Angebote begleiten würden. Die Migrantenorganisationen sollten sich für Gesundheitsangebote öffnen und ihre Mitglieder auffordern, Angebote in Anspruch zu nehmen. Migrantenorganisationen sowie die Altenhilfe sollten gemeinsam an der Verbesserung der Versorgungsstrukturen vor Ort arbeiten.

Ligita Werth vom Sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrum Migration
Südliches Rheinland schilderte in ihrem Referat die Versorgungssituation von demenzkranken Menschen mit Migrationserfahrung. Etwa 100.000 Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ab 65 Jahren und älter sind gegenwärtig in der Bundesrepublik an Demenz erkrankt. Macht nun Migration krank, und erkranken ältere Zugewanderte häufiger an Demenz? Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, erläuterte sie die Belastungen, die oft mit Migration verbunden sind und die körperliche und seelische Gesundheit beeinflussen können. Alterungsprozesse setzen aufgrund der Migrationsbiografie früher ein als bei der deutschen Bevölkerung. Psychosoziale Stressoren, wie beispielsweise traumatische Erfahrungen, die Unterbringung in Sammelunterkünften, Entwurzelung, die aufenthaltsrechtliche Situation, alltägliche Diskriminierungen und das Erleben von Ausgrenzung sind es, die in der Migrationsbiografie eine höhere Prävalenz für psychische Störungen (Depressionen, Ängstlichkeit, erhöhtes Suizidrisiko) bewirken können.

Migrationsspezifische, soziokulturelle und strukturelle Barrieren, wie u.a. fehlende Informationen über vorhandene Angebote, ein monokulturelles und monolinguales Versorgungssystem, eine defizitorientierte statt einer ressourcenorientierten Haltung erschweren den Zugang zu den Angeboten. Ligita Werth mahnte zur Vorsicht vor schnellen Bewertungen und Kulturalisierungen. Erklärungsmodelle von Krankheit und Krise seien durch unterschiedliche Faktoren wie Alter, Gender, Herkunft, Lebenswelt, Biografie usw. beeinflusst und somit immer individuell. Die Vernetzung mit Migrantenselbstorganisationen und Migrationsfachdiensten, so die Referentin, kann die Selbstbestimmung stärken und Entlastung für demenzerkrankte EinwanderInnen und ihre Familien schaffen. Letztere seien mit ihren Ressourcen in die Pflege einzubeziehen.
AO Kreisverband
Bonn/Rhein-Sieg e. V.

Änne Türke hatte dankenswerterweise (in Vertretung der erkrankten Frau Elena Maevskaya) die Aufgabe übernommen, das Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vorzustellen. Das Demenz-Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist seit Ende 2007 Teil der Landesinitiative Demenz-Service NRW und ist mit dem thematischen Auftrag Demenz & Migration für ganz NRW zuständig. Änne Türke erläuterte die Arbeitsbereiche des Demenz-Servicezentrums für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die sich in vier Schwerpunkten zusammenfassen lassen:

– Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund (vornehmlich in türkischer und russischer Sprache), die selbst oder im familiären Umfeld von Demenz betroffen sind. Dies geschieht durch Angebote zur Beratung und Begleitung, Organisierung und/oder Initiierung von Gruppenangeboten.

– Informationen, Aufklärung und Sensibilisierung zum Themenspektrum Demenz und Migration für Behörden und Unternehmen, Dienste und Einrichtungen, Kranken- und Pflegekassen, Krankenhäuser, Ärzte usw. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind muttersprachliche Veranstaltungen zum Thema; in ethnischen Communities, Moscheen und Kulturvereinen, russischen Centern und Gruppierungen von Spätaussiedlern oder Jüdischen Gemeinden.

– Das Servicezentrum bietet eine Reihe von Materialien zur Beschäftigung mit dementiell erkrankten Menschen wie auch zur Information über die Krankheit und deren Verlauf an. Dazu gehören z.B. Filme, Broschüren, Musik-CD’s, sogenannte „Erinnerungskarten” mit russischen, polnischen und türkischen Sprichwörtern.

– Unterstützung der übrigen Demenz-Servicezentren in NRW in allen Fragen, die Demenz und Migration betreffen.

Arbeitsgruppen

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten anschließend praxisorientiert über Möglichkeiten der Bewegungs- und Gesundheitsförderung, der Verbesserung der Versorgungssituation, über niedrigschwellige Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für demenzkranke Menschen mit Migrationserfahrung und ihre Angehörigen. Die Arbeitsgruppen fanden statt unter Leitung und/oder aktiver Mitwirkung von sach- und praxiserfahrenen Akteur*innen aus der Arbeit mit demenzerkrankten Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und ihren Angehörigen.

Themen der Arbeitsgruppen

Martina Weiss-Bischof vom Verein für Behindertensport und Sandra Horschel vom Bonner Stadtsportbund leiteten die Arbeitsgruppe 1. Ihr Thema war die Bewegungs- und Gesundheitsförderung für demenzkranke Menschen mit Migrationserfahrung. In ihrem Input skizierten sie die organisatorischen und individuellen Voraussetzungen einer Bewegungsförderung mit dementiell veränderten Patienten, wie zum Beispiel: eine gute Erreichbarkeit der Angebote, ein barrierefreier Zugang und besondere pädagogische Fähigkeiten der Sportlehrer. Sie referierten die aktuelle Studienlage über die praktische Umsetzung zum Thema. Sie berichteten über das Angebot für Qualifizierungsmaßnahmen für Übungsleiter, Alltagsbegleiter, Betreuungsassistenten, Demenzbetreuer und die Möglichkeiten und Grenzen der Inklusion in bestehenden Sportgruppen. Die Diskussion in der Arbeitsgruppe erbrachte viele Beispiele und Anregungen für geeignete Bewegungsangebote. Zugangswege können zum Beispiel Tanzen und Musik, Musizieren und Singen, bewegtes Gehirntraining, generationsübergreifende Angebote und Gesellschaftsspiele sein. Unterstrichen wurde, wie wichtig die Ausbildung von ÜbungsleiterInnen mit Migrationshintergrund ist, dass Angehörige geschult werden und die hohe Bedeutung der Kooperationen und der Austausch der Multiplikatoren aus Migrantenorganisationen mit Sportvereinen bei der gemeinsamen Umsetzung der Angebote. Weiterhin sollten die Angebote stadtteilbezogen, eingebunden in das Quartiersmanagement, stattfinden.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der älteren Menschen mit Migrationshintergrund stark gewachsen und wird in Zukunft noch weiter zunehmen. Damit wächst auch die Gruppe der MigrantInnen, die an einer Demenz erkranken. Es zeigt sich jedoch, dass Pflege- und Unterstützungsangebote von diesen Menschen und ihren Angehörigen noch zu wenig wahrgenommen und genutzt werden. Dies hängt einerseits mit noch fehlenden kultursensiblen und bedarfsgerechten Angeboten zusammen, andererseits sind ältere MigrantInnen sowie deren Familienangehörige zu wenig über die bestehenden Angebote und Leistungen für Demenzerkrankte informiert.

Ekaterina Suslina berichtete in der Arbeitsgruppe 2, wie das Projekt NASCH DOM daran arbeitet, Versorgungsstrukturen für demenziell erkrankte Migrantinnen und Migranten besser zugänglich zu machen und kultursensible, bedarfsgerechte Angebote aufzubauen. Das Projekt NASCH DOM ist ein Projekt, das die bestehenden Kompetenzen von Migrantenorganisationen aufgreift und auf deren Stärkung im Bereich der Seniorenarbeit und Pflege zielt, u.a. in dem Multiplikatoren aus Migrantenorganisationen geschult und beim Aufbau kultursensibler bedarfsgerechter Angebote begleitet werden. Das Projekt richtet sich im Kern an die Gruppe der russischsprachigen MigrantInnen und deren Migrantenorganisationen. Einen guten, auch sehr emotionalen, Eindruck über das Leben mit Demenz in russischstämmigen Familien erhielten die TeilnehmerInnen auch durch den Film  „Uns bliebt die Liebe“ (Kurzfassung)

Ziel der AG 3 war es, neue Möglichkeiten der fachbereichsübergreifenden Zusammenarbeit, Kooperation und Vernetzung zu entwickeln. Wie können wir gemeinsam niedrigschwellige Versorgungsstrukturen, informative und präventive Unterstützungsangebote mit dem Schwerpunkt auf Demenzerkrankungen für ältere MigrantInnen schaffen? Als Stichpunkte seien genannt: Vernetzung zielgruppenorientierter lokaler Hilfsangebote, Ausbau der Zusammenarbeit und bessere Abstimmung der relevanten Akteure der Kommune. Beeindruckend war das breite Spektrum der TeilnehmerInen der Arbeitsgruppe. Diese Vielfalt führte einerseits die zahlreichen Schnittstellen zwischen Akteuren und kommunalen Handlungsfeldern, sowie die anspruchsvolle Arbeit der zu leistenden Vernetzung vor Augen. Andererseits birgt dies aber auch große Chancen, die Situation für ältere MigrantInnen gemeinsam zu verbessern. Die Vorschläge und Ideen waren so zahlreich und vielseitig, dass hier auf die (ca. ab 15.11 2014 auf der Migrapolis-Internetseite einzusehende) Tagungsdokumentation hingewiesen sei.

Die Leitung der Veranstaltung hatten Prof. Dr. Cengiz Deniz (Moderation) und Dr. Dietmar Schubert inne, für die Organisation war J. Michael Fischell (Dipl. Soz. Wiss.) verantwortlich.

 

Schreibe einen Kommentar