Bildungsreisen

Auf den Spuren der Kulturen – eine Bildungsreise nach Südostanatolien

Gruppe in Gaziantep
Stadtpanorama; Fotos © Hıdır Çelik

Ein Bericht von Burkhart Beilfuß

Wir waren 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen,  die sich auf die Suche nach Spuren der Kulturen aus Gegenwart und Vergangenheit in Südostanatolien begeben haben. Die Reise dauerte vom 24. Mai bis zum 4. Juni. Vom Standort in Gaziantep (im komfortablen IBIS-Hotel) ging es in Tagesexkursionen mit Kleinbussen nach Urfa, zum Berg Nemrut, nach Diyarbakir, Mardin, Hasankeyf und Antakya. Die Leitung hatte Dr. Hıdır Çelik. Ihm stand ein Reisebegleiter der Firma Akort Turizm aus Gaziantep zur Seite.

Die Reise war für mich ein wunderbares Erlebnis und hat nach meinem Eindruck auch den anderen Teilnehmern und Teilnehmerinnen sehr gut gefallen. Unsere Gruppe war vielfältig zusammengesetzt. Neben einigen Deutschen waren vor allem in Deutschland lebende Kurden mit Heimat in der Türkei, dem Iran und Syrien dabei. Auf diese Weise war die interkulturelle Kommunikation innerhalb der Gruppe und auch mit Dritten erleichtert. Hilfe als Dolmetscher und viele inhaltliche Informationen für Neuentdecker der Türkei wie mich wurden dadurch möglich. Unter den deutschen Teilnehmern waren insbesondere Prof. Klaus Otte mit seinen Beiträgen zum interreligiösen Dialog und Wilfried Müller mit seinen umfangreichen Kenntnissen über die Region und ihren kulturellen Hintergrund für die ganze Gruppe hilfreich.

Zur Vorbereitung der Reise hatte ich das Buch „KulturSchock Türkei“ von Manfred Ferner gelesen. Ich kann das Buch sehr empfehlen. Es weckt Interesse und Verständnis für die türkische Kultur und baut schon vor der Ankunft manche Vorurteile ab. Über die Geschichte der Türkei und die kulturellen Pfeiler der türkischen Gesellschaft wird anregend unterrichtet; Begriffe der traditionellen türkischen Lebenswelt wie Ehre, Ansehen und Respekt und Informationen über das Verhältnis der Geschlechter zueinander werden lebendiger und nuancierter als es Presseberichte häufig sind. Für die interkulturelle Begegnung im Alltag werden gute Informationen und nützliche Tipps gegeben.

Die Reise war viel aktueller und spannungsreicher als ich zunächst vermutet hatte. Die Terroranschläge in Reyhanli am 11. Mai machten die Flüchtlingssituation und die schwierige Nachbarschaft der Türkei und Syriens deutlich. Die regierungskritischen Demonstrationen Anfang Juni in Istanbul und Ankara erreichten an den letzten Tagen unserer Reise auch Gaziantep und vor allem Antakya. Wir hatten Gelegenheit zu Gesprächen mit staatlichen und kommunalen Vertretern in Gaziantep über gesetzliche und soziale Maßnahmen zum Schutz von Frauen und über die Aufnahme der syrischen Flüchtlinge. In Diyarbakir konnten wir mit einem der Bürgermeister der über die Aussichten des neu eingeleiteten Friedensprozesses zwischen der Türkei und den Kurden sprechen. Dabei waren wir von der Offenheit beeindruckt, mit der der Bürgermeister über die fortbestehenden Diskriminierungen der Kurden und die Notwendigkeit ihrer Überwindung sprach. Zum kurdischen Sprachunterricht in den Schulen wurde mitgeteilt, dass neuerdings die Möglichkeit bestehe, in der Schule Kurdisch zu lernen, aber nur als fakultativ zu wählende „zweite Fremdsprache“, was für die Kurden verständlicherweise nicht ausreichend ist.

Neben aktuellen politischen Fragen blieb aber auch die tiefe Vergangenheit dieser Region auf unserer Reise immer präsent, und zwar nicht nur auf dem Berg Nemrut mit seinen riesigen Götterköpfen aus hellenistischer Zeit, sondern auch mit den römischen Mosaiken aus Zeugma und der altsteinzeitlichen Grabungsstätte Göbekli Tepe mit ihren gewaltigen Ringen aus T-förmigen Felsen und den eindrucksvollen Tierreliefs auf einem Teil dieser Felsen.  Auch an die nicht weit davon entfernte alte Universitätsstadt Haran konnten wir mit Dankbarkeit denken, da sie viel für die Überlieferung der griechischen Kultur getan hat. Nicht zu vergessen die biblischen Erinnerungen an Abraham in Urfa und im Zweistromland sowie an Paulus in Antakya (Antiochien). Klaus Otte las uns die entscheidenden Stellen über das Treffen des Paulus mit Petrus in Antiochia aus dem Galaterbrief an Ort und Stelle vor (Kapitel 2, 11 ff).

Unsere nächtliche Ankunft in Gaziantep und die Fahrt vom Flughafen zum Hotel schien zunächst mein in Fremdenführern gewonnenes Bild einer sehr schnell gewachsenen, industriellen Großstadt ohne besonderen Reiz zu bestätigen. Weit gefehlt! Die Spaziergänge in den kommenden Tagen zeigten eine reizvolle Altstadt mit schönen Moscheen und Minaretten und bunten wohlriechenden Bazaren. Von Interesse waren darüber hinaus die vielfältigen Spuren, die auf die große Bedeutung dieser Stadt für die armenischen Christen und deren trauriges Schicksal hindeuteten. Besonders in meiner Erinnerung ist die „Befreiungsmoschee“ geblieben; ein klassizistischer Bau aus dem 19. Jahrhundert, der zu Beginn des 20. Jh. zu einer Moschee umgestaltet wurde: Von den Kirchtürmen blieb nur der Unterbau, der obere Teil wurde durch Minarette ersetzt. Der nüchtern und schön wirkende Innenraum blieb weitgehend erhalten, von den Gebetsteppichen und einer sehr großen türkischen Fahne einmal abgesehen. Ganz allgemein hatte ich den Eindruck, dass neben dem sunnitischen Islam alle anderen Glaubensrichtungen (insbesondere die Aleviten) und andere Religionen in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung treten und häufig nur ein Schattendasein führen. Aramäische und orthodoxe christliche Kirchen sind mir aus Diyarbakir und Midyat in Erinnerung. Die Zahl der Gemeindemitglieder ist klein; die Unterhaltung der Kirchen wird über Spenden aus dem Ausland finanziert. Die jüdische Synagoge in Gaziantep ist sehr schön restauriert, dient jedoch nicht mehr einer Gemeinde, sondern ausschließlich universitären und anderen kulturellen Zwecken.

Auffallend auf unseren Spaziergängen in Gaziantep und auch anderen Städten waren die vielen überwiegend jungen Menschen, und die meist fröhliche Kinderschar, die allerdings auch manche Armut erkennen ließ: Kinder, die noch am späten Abend beim Abbau der elterlichen Verkaufsstände halfen oder am Tage auf Schuttplätzen spielten. Ins Auge fielen auch die häufig anzutreffenden öffentlichen Gebetsräume in Cafés, Restaurants und anderen öffentlichen Gebäuden, die die Einhaltung der islamischen Gebetspflichten erleichtern und teilweise gut besucht waren. Ungewohnt für westeuropäische Augen sind auch die sehr zahlreichen kleinen Busse, die im öffentlichen und privaten Verkehr eingesetzt werden. Große Busse sind demgegenüber aus dem Stadtverkehr weitgehend verbannt. Unbekannt für mich auch der recht große Einfluss der französischen Sprache im täglichen Leben. Manche Begriffe sind mit türkischer, dem Laut folgender Rechtschreibung direkt aus dem Französischen übernommen (z.B. Asansör, Kuaför, Receptcyon …). Die Kleidung ist meist farbenfroh und entweder locker-westlich oder islamisch-traditionell, wobei ich nach etwas Gewöhnung auch den oft recht schmucken Kopftüchern einen ästhetischen Reiz abgewinnen konnte. Generell war eine freundschaftliche Einstellung gegenüber Deutschland spürbar.

Die Umgebung Gazianteps machte bei unseren Ausflügen deutlich, wie stark  der Südosten der Türkei boomt. Überall schießen neue Komplexe mit Wohngebäuden wie Pilze aus der Erde. Zahlreiche neue Moscheen gehören dazu. Das Straßennetz wird intensiv ausgebaut, eine neue Autobahn und viele andere – häufig vierspurige – Landstraßen und zahlreiche im Ausbau befindliche Pisten fallen auf. Weite Teile des Landes sind mit Ölbäumen, Mandelbäumen Pistazien und Feigen und auch etwas Wein bepflanzt. Getreide wächst nicht nur in der Ebene, sondern teilweise auch an Berghängen. Vor allem die Staudammprojekte am Euphrat und Tigris scheinen der Region neuen Reichtum zu verschaffen, der allerdings nur einen Teil der dort lebenden Menschen erreicht. Der starke wirtschaftliche Ausbau der Region lässt hoffen, dass die umwelt- und kulturpolitischen Anliegen demgegenüber nicht allzu stark in das Hintertreffen geraten. Es wäre z.B. schade, wenn der schöne Blick, den wir derzeit in Diyarbakir noch auf den Tigris und die fruchtbaren Anbaugebiete für Obst und Gemüse hatten, durch hemmungslosen Wohnungsbau leiden würde.

Auch an das traurige, aber wohl besiegelte Schicksal der alten Stadt Hasankeyf ist zu erinnern, die in den Fluten eines Tigris-Staudammes versinken soll. Wir konnten die Burg mit den Felsenwohnungen in dieser Stadt nicht besichtigen, da sie aus Sicherheitsgründen gesperrt war. Ein örtlicher Führer vertrat allerdings die Ansicht, dass dies nur ein Vorwand der Regierung sei, um das Interesse an der alten Stadt einzuschränken und ihre Aufgabe zu erleichtern.
Last, but not least, die türkische Küche hat mit gut gefallen. Leckere, ebenso kleine wie würzige grüne Oliven, Ziegenkäse, Halva und traditionelle westeuropäische Gerichte zum Frühstück, gegrilltes Fleisch mit Auberginen, Tomaten, grünen Pfefferschoten, Petersilie und viel Zitrone, und Baklava als Dessert zum Abendessen waren sehr willkommen, wenn auch nicht immer sehr abwechslungsreich. Leider waren für mich gewohnte alkoholische Getränke wie Bier und Wein aus prohibitiven Steuergründen recht teuer, so dass ich mich die zwölf Tage unseres Aufenthalts auf Wasser und vor allem das sehr erfrischende Yoghurtgetränk Ayran beschränken konnte.

Nach unserer Reise wurde ich häufig auf die Frage des EU-Beitritts der Türkei angesprochen. Die Demonstrationen und das häufig brutale Vorgehen der Polizei waren ein Argument, die Sinnhaftigkeit des Beitritts in Frage zu stellen. Ich teile diesen Standpunkt nur bedingt. Für mich wurde auf der Reise deutlich, wie jugendlich und dynamisch die türkische Bevölkerung zu sein scheint und welchen langfristigen Gewinn in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht die in die Jahre gekommene Bevölkerung der EU aus einer Erweiterung ziehen könnte. Problematisch bleibt für mich die Frage der religiösen Toleranz. Kemal Atatürk spielt zwar weiter eine erhebliche Rolle – z.B. an Universitäten wie in Gaziantep. Die im Südosten  spürbare starke Tendenz zu einer Re-Islamisierung  und Anknüpfung an die frühere osmanische Kultur könnte die Türkei von Europa entfernen, wenn sie nicht mit einem toleranten Nebeneinander aller Religionen und Kulturen verbunden ist.

Den Organisatoren dieser Reise und insbesondere Dr. Hıdır Çelik einen herzlichen Dank!