Gang durch fremde Länder & Lyrischer Mischsalat – Bonner Ausblicke im September mit Petra Maria Amrhein

30. September 2014 | Kategorie: Artikel

Ein Bericht von Jutta Reimann-Poigné

In einem ganz besonderen Rahmen las die Lyrikerin Petra Maria Amrhein  ihre Gedichte im Haus Migrapolis: An den Wänden hängen Poster der aktuellen Ausstellung „Klimaflüchtling – nicht nur Eisbären sind betroffen“. Eindringlich werden so die Auswirkungen des Klimawandels auf die Erdbevölkerung verdeutlicht. Davor stehen  auf Staffeleien Fotos von Benedikt Amrhein, dem Sohn, mit Architektur- und Momentaufnahmen der Stadt New York. Wie passend zum Weltklimagipfel, der gerade  in der amerikanischen Metropole stattfand!

Man wolle Wort – Ton – Bild heute Abend vereinigen, meinte die Lyrikerin später. Sie nahm damit Bezug auf die Fotoausstellung, ihre Lyrik und die Musik des begleitenden Cellisten Thomas Bräuer. Der Appell, so könnte man ergänzen,  war schon vorher da.

Ausnahmsweise fand die Lesung einmal nicht am dritten Mittwoch im Monat statt, sondern am vierten und wurde ausnahmsweise einmal nicht von Rainer Maria Gassen moderiert, sondern von Thomas Kaut.  Allerdings eilte der Wegbereiter der „Bonner Ausblicke“ nach seinem Urlaub direkt vom Flughafen in die Brüdergasse, so dass er in der Pause noch eintraf und dem zweiten Teil der Lesung folgen konnte.

Petra Maria Amrhein liest Gedichte zu drei verschiedenen Bereichen. Diese bezeichnet sie als Gang durch fremde Länder, lyrischer Mischsalat, und – teils passend zu der Rauminstallation – Gang durch New York und Bayern.

Im ersten Teil trägt die Lyrikerin mit ihrer angenehmen Stimme reimlose Gedichte über die traditionellen Sehnsuchtsländer der Deutschen vor: Frankreich, Italien und Griechenland. Mythologische Aspekte, historische  Figuren wie Giordano Bruno, landschaftliche Reize und architektonische Ikonen (die Kapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp in den Vogesen) werden dabei aufgegriffen und besungen. Sehen wir etwa Donna Leon winken, wenn es über Venedig heißt: Stadt der Mörder und Liebender? Auch Israel und der Türkei (Tanzender Derwisch) sowie den nordischen Ländern werden Gedichte gewidmet. Die visuell-ästhetische Faszination Amrheins spiegelt sich hier in der lyrischen Beschreibung eines Munch-Gemäldes wider.

Im zweiten Teil, Lyrischer Mischsalat, geht es bunt zu: Die eigene Katze, Humpty Dumpty (Figur aus „Alice im Spiegelland“) , Brancusis „Kuss“ etwa waren Ideengeber. Ein Anagramm über den Cellisten Thomas Bräuer greift dieser musizierend auf. Seine Improvisation zu  einzelnen Buchstaben seines Namens findet begeisterten Applaus.

Kritisch endete der lyrische Teil dieser Einheit mit den Worten eines Gedichtes über den Sandmann: … / Wer streut uns den Sand in die Augen / Dass wir uns einrichten, / Morgen für Morgen.

Der dritte Teil unterscheidet sich formal von den vorherigen.  Er besteht aus Zyklen von Haikus und Tankas. (Zur Erinnerung: Ein Haiku ist ein Dreizeiler, der aus 5, 7, 5 Silben besteht, das noch ältere Tanka aus fünf Zeilen in der Silbenabfolge 5, 7, 5, 7, 7.) Die starren Vorgaben dieser traditionellen japanischen Formen disziplinieren und bündeln das Dargelegte. So kommt es zu interessanten Widersprüchen zwischen dem chaotischen New York und dem gezügelten Haiku,  etwa in dem Gedicht über die Heuchlerin Liberty, die Freiheit verspricht, sie aber nicht gewährt. Auch das Hotel in der 131. Straße bietet nicht den Schutz, den ein Gast erhofft –  es hat ein Schussloch im Fenster.

Hier werden nicht nur Reize der Welt dargestellt, sondern es klingen kritische Töne an, auch wenn Amrhein auf die Frage des Moderators Thomas Kaut nach den Beweggründen ihrer Lyrik eine kritische Komponente ausdrücklich verneinte. Beweggründe ihrer Lyrik seien eher Spielerei,  der Wunsch, die Möglichkeiten der Sprache auszuprobieren, Lebenslast in Lebenslust umwandeln zu wollen. Von allen drei Gattungen der Literatur ist die Lyrik sicher die subjektivste, aber setzt sie nicht Wirkungen frei, sobald sie über das Persönliche hinausgeht, in einem äußeren Rahmen vorgetragen wird?

Idyllisch geht es dann wieder in Bayern zu. Oder stehen Loisach und Isar, Walchensee, Ottobeuren und das Buchheim-Museum am Starnberger See nicht für bayrische Tradition, kulturelle Schönheit und Reichtum?

Die abschließende Musik nimmt  wieder Bezug zu der Metropole der Moderne, zu New York. Der Jazzstandard „All of Me“ ist ein gelungener Abschluss dieser Lesung.

 

 

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