“Ich kann keine Gedichte” – Malte Kuhfuß liest in den Bonner Ausblicken am 19.11.2014

27. November 2014 | Kategorie: Artikel

Bericht von Jutta Reimann-Poigné

„Ich kann keine Gedichte“, antwortete Malte Kuhfuß (Jg. 1986) hintersinnig auf die Frage des Moderators und Dichters Rainer Maria Gassen nach seiner Lyrik  und trug folglich auch nur ein einziges Gedicht – bestehend aus einem Satz – vor.

Nun, dafür kann er Kurzgeschichten. Er kann sie schreiben und  eindrucksvoll, fast amüsiert über seine eigenen Texte, vortragen. Diese handeln von der Entfremdung in unserer Zeit, den Banalitäten des Alltags, Schicksalsschlägen, verpassten Gelegenheiten,  der Feigheit der Protagonisten und  ihren Sehnsüchten. Diese können sich in archaischen Träumen zeigen, etwa in dem Traum vom Fliegen.

Kuhfuß spielt mit den Mythen der Menschheitsgeschichte, etwa wenn sich der Protagonist von den auffordernden Blicken einer Katze dazu verführen lässt,  in einen Schrebergarten einzudringen. Er, der sich unbemerkt von Menschen glaubt, stiehlt einen verlockend aussehenden Apfel.  Doch ist er nicht unbeobachtet, der Besitzer taucht unverhofft aus dem Nichts auf und schimpft mit ihm. Weitere Konsequenzen gibt es in diesem Text aber nicht.

Die Texte sind durchweg kurz, enden abrupt, allerdings dreht sich die Mehrzahl der vorgetragenen die Texte um denselben Protagonisten, Andreas Mahler. Dieser Trick, ein Leben in kurzen, abgeschlossenen Episoden darzustellen, lässt Fortsetzungen offen. Vielleicht entsteht eines Tages ein Roman mit einem Helden namens Andreas Mahler?

Der  erste Text  – beinahe der längste – handelt über einen Obdachlosen, der in der Fußgängerzone bettelt. Scheinbar folgt er damit einem vertrauten Muster, doch nur scheinbar. Denn er bettelt nicht um Geld, sondern er bettelt um ein Gedicht oder eine kurze Geschichte. Niemand möchte ihm die geben. Kann niemand ein Gedicht auswendig oder möchte niemand die Zuwendung schenken?  Oder ist der ausgesprochene Wunsch einfach nur zu verblüffend? Als  der Bettler schließlich einen Mann, der scheinbar nicht ganz so abweisend reagiert, nötigen will, ihm etwas zu erzählen, rettet sich dieser mit Geld. Somit wird das eingefahrene Muster bedient, die Kommunikation bleibt aus. Das Resultat: Das Geld deprimiert den Obdachlosen, er sieht sich auf den zurückgeworfen, der er in den Augen seiner Mitmenschen ist und schweigt fortan.

Die  anderen Texte drehen sich z. T. um die Vorgeschichte dieses Lebens. Andreas, so heißt der Held, wird in der Diskussion mit einer esoterisch angehauchten Kunststudentin gezeigt. Deren Wunsch nach einem ätherischen Leben entgegnet  er  naturwissenschaftlich argumentierend. Die beiden werden sich nicht wiedersehen, die Existenz  vom „Licht“ als Nahrungsquelle entspricht wohl  nicht Andreas´ Denken. Sein Lebensweg wird oberflächlich geordnet verlaufen, mit Ehe, Kindern und geregelter Arbeit.  Doch diese Oberflächlichkeit ist brüchig, die Ehe wird bald als „erkaltet“ empfunden, Tagträume vom „Fliegen“ und die Sehnsucht nach anderen Frauen begleiten ihn. Dass die  Ehe nicht von Andreas beendet wird, sondern von der Ehefrau Claudia, entnehmen wir indirekt einer weiteren Episode. Doch Andreas Traum von  der Freiheit  erfüllt sich nicht,  das Schicksal holt ihn grausam ein. Lapidar  handelt ein Text von der Mitteilung seiner tödlichen Krankheit, einem Hautkrebs im finalen Stadium. Von außen werden die Unbeholfenheit  des Arztes  und die Fassungslosigkeit des Patienten gezeigt.

In der zuletzt vorgetragenen Episode um Andreas Mahler „Das Ende vom Fliegen“ realisiert sich der durch die Texte schwebende Traum vom Fliegen. „Er“ ruft aus Oberkassel die Polizei an, um seinen Selbstmord anzukündigen. Obwohl ihn die Stimme der Polizeibeamtin an die seiner Tochter erinnert, lässt er  sich nicht von ihr von seinem Plan abbringen, er verwirklicht seinen Traum, sein Sprung von der Klippe wird zu einem Gleiten, einem Aufstreben doch der Körper folgt den Gesetzen der Schwerkraft. Diese Absurdität nötigt Malte Kuhfuß wiederum ein verschmitztes Lächeln ab.

Malte Kuhfuß erhält viel Applaus von den Anwesenden.

 

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