Literatur von und mit geflüchteten Menschen

7. April 2017 | Kategorie: Aktuelles

Rezension von Hannah Bliersbach

Seit 2015 befasst sich die Literatur, sowohl wissenschaftlich als auch belletristisch, verstärkt mit den Schicksalen von Geflüchteten und ihrem neuen Leben in Europa. Viele Bücher sollen ihnen erstmals eine Stimme geben, um gegen Vorurteile vorzugehen und um abstrakte Probleme konkret darzustellen; ein wichtiger Schritt, um ein friedliches Zusammenleben möglich zu machen. Durch Literatur werden gesellschaftspolitische Fragen in einen kritischen Diskurs gestellt. Nach und nach werden wir Rezensionen über Bücher zu diesem Thema auf unserer Internetseite veröffentlichen. Drei dieser Bücher werden im Folgenden vorgestellt:

Sie zeigen Ängste und Probleme, aber auch Freuden und Träume: Die Porträts des Bildbandes „Gesichter auf der Flucht“ ermöglichen einen Einblick in die Lebensgeschichten Geflüchteter und ihrer Helfer in Hanau in Hessen. Ob beim Deutschunterricht, beim Fußballtraining, in der Trommelstunde oder während des Schreibens von Bewerbungen, die Porträts zeigen Geflüchtete in ihrem täglichen Leben. Sie beschreiben die Hürden, die jeder von ihnen in Deutschland zu meistern hat, schaffen es aber auch, jedem Individuum eine eigene Stimme zu verleihen; Stimmen aus dem Iran, Nigeria, Syrien, dem Irak und noch zahlreichen weiteren Ländern. Sie alle erzählen von den Konflikten, den Kriegen in ihrer Heimat und der langen, beschwerlichen Flucht bis nach Deutschland. Gleichzeitig gibt der Bildband aber auch deutschen Helfern die Möglichkeit zu erzählen: Davon, wie sie mit der Flüchtlingsarbeit begannen und welche guten – aber auch schlechten – Erfahrungen sie seitdem gemacht haben. „Gesichter der Flucht“ zieht keine Trennlinie zwischen Geflüchteten und Helfern, sondern zeigt das gemeinsame Leben und wie frühere Migranten heute zu Helfern werden. Einige der Texte des Buches wurden von Helfern oder Interviewern geschrieben, andere aber auch von den Flüchtlingen selbst. Der Hanauer Kulturverband e.V. hatte dieses Projekt ins Leben gerufen, um sowohl Geflüchteten als auch Helfern ein „Gesicht“ zu geben. So könne man die porträtierten Individuen stärken und willkommen heißen, aber auch Verständnis für die Motive der Flucht in der Bevölkerung wecken. Ende 2019 plant man, sich mit den fotografierten Menschen noch einmal zu treffen und Bilanz zu ziehen. Darüber, wie sich ihr Leben weiterentwickelt hat und wo sie ihre Zukunft planen.

GesichterFlucht

Hrsg. Hanau Kulturverein e.V., Gesichter der Flucht, Porträts aus Hanau und Umgebung, ISBN 978-3-86314-340-4,
98 Seiten, Broschur, 10 €, CoCon Verlag Hanau 2016

„Gesichter der Flucht“ sollte aber nicht lange das einzige Buchprojekt des Hanauer Kulturvereins bleiben. Gemeinsam mit dem Autor und hauptberuflichem Intensivfachpfleger Gerhard Roth entstand „A Taste of Heimat“, ein Kochbuch, das in Kooperation mit Geflüchteten zusammengestellt wurde. Die unterschiedlichen Gerichte entstammen der irakischen, afghanischen, iranischen, pakistanischen und syrischen Küche. Vom pakistanischen Auberginencurry (Baingan Tamatar) bis zum iranischen Pistazien-Safran-Parfait ist alles Mögliche dabei, das neue Geschmacksnuancen näherbringt und Lust auf mehr Vielfältigkeit in der eigenen Küche macht. Jedes Rezept enthält auch ein jeweiliges Kurzprofil des Geflüchteten, welcher das Gericht vorstellt. So bekommt das Kochbuch eine persönliche Note. Die Rezepte sind mehr als nur eine Ansammlung von Kochanweisungen und Zutatenlisten: Sie zeigen einen Bruchteil dessen, was das frühere Leben der Geflüchteten ausmachte. Sie sind Teil einer Heimat, die sie zurücklassen mussten. Dies war auch eines der Ziele dieses Projektes. Essen überdauere jeden Konflikt und sei etwas, das Menschen überall verbinde, da auf der ganzen Welt gekocht werde, erklärt Gerhard Roth. „A Taste of Heimat“ bietet seinen Lesern die Möglichkeit, die Geschichten und Schicksale Geflüchteter nicht nur nachzulesen, sondern auch einen Teil ihrer Kultur zu entdecken.

CoverTasteOfHeimat

Gerhard Roth, Liliana Herzig, A Taste of Heimat, ISBN 978-3-86314-341-1,
52 Seiten, Broschur, 7 €, CoCon Verlag Hanau 2016

Einen tieferen Einblick in die Biografien geflüchteter Menschen bietet „Flüchtlinge erzählen: »Weißt du, wer ich bin?«“. Das Buch zeichnet die Lebensgeschichten von 28 Geflüchteten in Bonn nach. Es sind Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch haben sie alle eins gemeinsam: Sie erzählen von Verfolgung, Verachtung, Benachteiligung und Flucht. Es sind aber nicht nur Berichte der Flucht selbst, sondern auch vom alten Leben, bevor sie vertrieben wurden und von den derzeitigen Herausforderungen, die in Bonn gemeistert werden müssen. Es geht um Träume, Erwartungen, Zukunftsängste und auch Wehmut. Denn die Tatsache, dass man in naher Zukunft nicht gemeinsam mit der Familie wieder in die geliebte Heimat zurückkehren kann, vereint alle beschriebenen Schicksale. Manche kamen bereits vor vielen Jahren als Erwachsene nach Deutschland, andere sind noch im Kindesalter und haben Bonn gerade erst erreicht. Sie kommen unter anderem aus Syrien, Ägypten, dem Iran, dem Irak, Serbien und Eritrea, aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Dieses Buchprojekt der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit Bonn (EMFA) unter der Leitung von Dr. Hıdır Çelik soll besonders durch seine Eingangsfrage „Weißt du, wer ich bin?“ die Öffnung für einen Dialog zwischen Geflüchteten und der deutschen Bevölkerung schaffen. Für die Integration der neuen Mitbürger sei es zwingend notwendig, ein gesellschaftliches Miteinander zu schaffen und vor allem miteinander zu sprechen. Bonn selbst hat in den letzten Jahren mehr als 7000 Flüchtlinge aus über 30 Nationen aufgenommen. Die im Buch vorgestellten 28 Biografien sollen diese geflüchteten Menschen aus der anonymen Masse hervorheben. Eine solche Arbeit ist besonders wichtig, um Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen und darzustellen, dass Flüchtlinge auch eine Bereicherung der Gesellschaft bedeuten. Das Biografie-Projekt wurde als spezifische Maßnahme im Rahmen der KOMM-AN NRW III-Projekte der Landesregierung NRW in Kooperation mit der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. gefördert.

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Flüchtlinge erzählen: »Weißt du, wer ich bin?«, Die bewegten Biografien Geflüchteter in unserer Stadt, Herausgeber: EMFA / Integrationsagentur,
174 S., 26 x 18 cm, 1. Auflage 2017, ISBN 978-3-945177-44-0, Schutzgebühr € 10,-, Free Pen Verlag, Bonn 2017

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