„Mein Leben ist ein großes Schweigen“ – Kultur-Café mit A. Kadir Konuk

29. April 2015 | Kategorie: Artikel
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J. Michael Fischell (l.), A. Kadir Konuk (r.), Foto: BIM e.V.

Bericht von Birte Libner und Helene Schüffelchen

„Mein Leben ist ein großes Schweigen“, so lautet ein Zitat aus A. Kadir Konuks neuestem Werk, in dem er die Welt des Autisten Michael beschreibt. Im Rahmen des Kultur-Cafés stellte der Autor sein neues Buch „Ungeschriebenes Tagebuch- Gedanken eines Autisten“, am 26.4.2015, im MIGRApolis-Haus der Vielfalt einem interessierten Publikum vor.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Hidir Çelik, stellte der Autor A. Kadir Konuk zunächst sich und das Thema seines neuesten Buches vor. A. Kadir Konuk kam als politischer Flüchtling nach Deutschland, nachdem er zuvor in der Türkei in einem Gefängnis inhaftiert war. In der Türkei hatte er als Grundschullehrer gearbeitet. Hier in Deutschland arbeitete er in einer Förderschule für Autisten und körperlich behinderte Kinder. Dort lernte er auch den Autisten Michael kennen, dessen Erlebnisse und Gedanken in dem vorgestellten Buch wiedergegeben werden.

J. Michael Fischell übernahm die Moderation und führte durch den literarischen Brunch bei Kaffee und Brötchen. Zunächst wurde in Form von Fragen, die Fischell an Konuk richtete, ein Einstieg in die Thematik „Autismus“ gegeben. Konuk erklärte, dass ihn die persönliche Erfahrung mit Autismus dazu bewogen hat, die Gedanken und das Leben des Autisten Michael in einem Buch niederzuschreiben. Michael, der heute 24 Jahre alt ist, verfügt über ein komplexes Denk- und Vorstellungsvermögen, hat aber Schwierigkeiten, seine Gedanken zu äußern und sich mit anderen Menschen zu verständigen. Diese „Sprachlosigkeit“ ist ihm bewusst und stört ihn. So lautet ein Zitat von ihm: „Warum kann ich nicht einfach wie die Anderen sprechen?“

Anhand von ausgewählten Passagen aus dem Buch, die Konuk vortrug, erhielt das Publikum weitere Informationen über Michael und erfuhr, wie er seine Umwelt erlebt, welche Eigenarten er hat und wie sich sein Alltag gestaltet. Es wird deutlich, dass sein Leben sehr strukturiert ist und er einen sehr geregelten und immer gleichbleibenden Tagesablauf hat.

Im Anschluss an die vorgetragenen Passagen aus dem Buch, entwickelte sich eine rege Diskussion zwischen Konuk und dem Publikum und auch zwischen den Besuchern des Kultur-Cafés selbst. Neben Interessierten befanden sich auch Personen im Publikum, die selbst mit Autisten arbeiten oder persönliche Erfahrungen mit ihnen gemacht haben und damit selbst interessante Informationen und Erfahrungen beisteuern konnten. Die von Konuk ausgewählten und vorgetragenen Abschnitte waren nicht nur sehr informativ und gaben Einblick in das Denken eines Autisten und seine Wahrnehmung der Welt, sondern waren darüber hinaus auch unterhaltsam und amüsant.

Aber auch problematische Dinge wurden bei der Diskussion angesprochen. So kam zur Sprache, dass in einigen Familien im In-und Ausland Menschen mit Autismus oder einer Behinderung immer noch als etwas Minderwertiges behandelt werden und/oder vor der Gesellschaft versteckt werden. Hidir Çelik erzählte, dass Autismus zum Teil sogar als Strafe Gottes angesehen wird. Besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund ist der Umgang mit dem Thema Autismus nach wie vor schwierig. Der richtige Umgang mit Autismus ist meist immer eine Herausforderung. Daher stand auch bei der Diskussionsrunde die Fragen im Mittelpunkt, wie man am besten mit Autisten umgeht und worauf man achten sollte. Diskutiert wurde aber auch der Aspekt der zwischenmenschlichen Beziehungen im Hinblick auf die Frage, wie sich Freundschaft aber auch Liebe bei Autisten gestaltet. Deutlich wurde zudem, dass Autismus keine Frage der Intelligenz ist. Häufig verfügen Autisten über ganz spezielle Begabungen und zeigen in diesem Bereich überdurchschnittliche Fähigkeiten.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen, die der literarische Brunch lieferte, gehörte zum Beispiel, dass es sich bei Autismus um kein einheitliches Krankheitsbild handelt. Jeder autistische Mensch muss einzeln und eingehend betrachtet werden. Man muss die „Sprache der Autisten lernen“, denn nur so kann eine passende und auf die Person abgestimmte Förderung stattfinden. So scheint es wichtig zu verstehen, dass Autisten sich nur schwer anpassen können und die „sozialen“ Regeln der Gesellschaft nicht verinnerlicht haben. Oft können auch schon alltägliche Dinge für sie zu größten Schwierigkeiten werden, deswegen beschränkt sich ihre Selbstständigkeit meist auf bestimmte Dinge. Besonders wichtig sind zudem feste Strukturen.

Im Anschluss gab es Raum für weitere Gespräche und die Möglichkeit, Bücher von A. Kadir Konuk zu erwerben.

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