“Mit den Worten, mit denen wir Bücher schreiben, werden wir Hass und Gewalt besiegen”

26. November 2015 | Kategorie: Artikel

Rede von Dr. Hıdır Çelik zur Eröffnung der 10. Bonner Buchmesse Migration

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hütter,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Sridharan,
Sehr geehrter Herr Präses Rekowski,
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Klute,

Sehr geehrter Herr Superintendent Wüster,
Sehr geehrte Frau Integrationsbeauftragte Manemann,
Sehr geehrter Herr Öztürker,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Gäste, liebe Freunde,
Zunächst möchte ich aus aktuellem tragischen Anlass ein paar Worte sagen:
Wie Sie wissen, kamen am 13. November 2015 bei mehreren IS-Terroranschlägen in Paris 132 Menschen ums Leben, über 300 wurden verletzt.
In Gedanken sind wir bei den Opfern und ihren Familien. Zugleich betonen wir, dass wir uns dem Terror nicht beugen dürfen!

Weiterhin werden wir uns für eine offene und tolerante Gesellschaft einsetzen, in der alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Sprache oder Religion geachtet und gleichberechtigt sowie respektvoll behandelt werden.

Die Terroristen des Islamischen Staates wollen unsere Lebensweise, die Freiheit, Offenheit und Toleranz, für die wir einstehen, zerstören. Das dürfen wir auf keinen Fall zulassen!

Der Terror hat keinen Glauben, keine Religion und keine Farbe! Was diese Terrororganisationen als Ziel verfolgen, ist, dass wir hier in Europa und in Deutschland einen neuen Religionskrieg vom Zaun brechen. Sie werden es nicht schaffen, und wir werden es nicht zulassen, dass der Terror unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat kaputt schlägt. Wir werden gemeinsam mit unserer Liebe den Hass besiegen!

Liebe Gäste,
Das Motto der diesjährigen Buchmesse „GrenzenLos – Vielfalt leben“ hat mit einer Vision zu tun, einer Vision, die ich Ihnen gerne aus meiner Sicht erklären möchte.
Migration, transnationale und transkulturelle Mobilität sowie Fluchtbewegungen haben unsere Gesellschaft in letzten 60 Jahren so geprägt, dass das Zusammenleben der Menschen in allen Bereichen des sozialen und politischen Lebens heute kaum ohne die Vielfalt der Kulturen denkbar ist.
Flüchtlinge aus Krisenherden nach Europa hat es immer gegeben, und es wird sie auch weiter geben. Die Migration hat die europäischen Staaten nicht nur sozio-kulturell bereichert, sondern auch die wirtschaftliche und soziale Existenz Europas mitgesichert. Wir müssen gemeinsam dafür Sorge tragen, in der Gesellschaft existierende Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und anderen Zuwanderern abzubauen. insbesonders gegenüber Flüchtlingen, die in den letzten Monaten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan bei uns Schutz gesucht haben.
Zugleich müssen wir auch die Sorgen derjenigen ernst nehmen, die Angst haben. Sie haben Angst, Angst vor Fremdem, Angst vor dem Verlust der eigenen Werte. Wir sollen mit diesen Menschen in Dialog treten, sie aufklären und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen suchen.
Andererseits fordern uns die gesellschaftliche Realität und die gesellschaftliche Vielfalt heraus, uns noch mehr für Demokratie, Offenheit, Toleranz und gegen jede Art von Diskriminierung und Rassismus einzusetzen.
Dies bedeutet, dass wir alle Mauern brechen, die verhindern, dass die Menschen, die in Not sind und unsere Hilfe brauchen, nach Europa kommen können.
Deutschland hat in letzten 60 Jahren Millionen von Menschen in die Gesellschaft integriert und wird es auch in Zukunft schaffen, da bin ich mir sicher.
Liebe Gäste,
Heute wird der Begriff Integration in vielen Kreisen sehr unterschiedlich verstanden. Man kann darüber wissenschaftlich streiten, ob der Begriff Integration angebracht ist oder nicht.
Wichtig ist, dass die Menschen, die hier ankommen, an der Gesellschaft teilhaben dürfen, damit sie Teil der Gesellschaft werden. In diesem Sinne ist Integration nichts Anderes als gleichberechtigte Teilhabe, von Anfang an.
Integration geschieht dort, wo Menschen leben, sich begegnen und sich austauschen.
Diese Orte sind nicht anders als Stadtteile und Sozialräume, in denen wir leben. Es bleibt die Frage, wie können wir diese Orte so lebendig, so vielfältig gestalten, damit wir eine gemeinsame Zukunft haben.
Wie soll der Stadtteil, in dem ich wohne, aussehen? Ist es überhaupt möglich, einen Stadtteil zu gestalten, der ein Begegnungs- und Austauschraum für viele Generationen und Kulturen sein kann?
Es fängt damit an, dass wir sowohl als einzelne Personen als auch als Gesellschaft ein Umdenken für eine Willkommenskultur bewirken, die nicht ein Lippenbekenntnis bleibt.
Wenn es so ist, dann möchte ich den Stadtteil, in dem ich lebe, so gestalten, dass dieser für uns Menschen zu einem Stadtteil der Zukunft wird, der zugleich mit einer Vision der Gegenwart verbunden ist.
Mein Stadtteil soll ein Zuhause für alle Generationen werden, in dem Eltern, Kinder, Oma und Opa sich wie in einer Familie zusammen treffen können. Ein Stadtteil ohne ältere Menschen ist wie eine Familie ohne Stammbaum, ohne Vergangenheit.
Kann überhaupt ein Baum ohne Wurzeln noch Früchte tragen, wenn er nicht gepflegt und geschützt wird?  Wir sollen mit dieser Generation respektvoll umgehen, denn wir brauchen sie. Wir können von denen lernen.
Ich weiß aus meinem Umfeld, dass heute viele Menschen weit über 70 noch sehr aktiv sind. Diese Personen erbringen heute noch für unsere Gesellschaft wertvolle Leistungen.
Sie können im Stadtteil Nachhilfestunden für Kinder aus sozial schwächeren Familien organisieren, die es sich nicht leisten können, Nachhilfe zu nehmen. Sie können in der Nachbarschaft das Miteinander pflegen und fördern, wofür wir als berufstätige Mütter und Väter oft keine Zeit finden. Was können wir für sie tun? Wir können ihnen Freiräume geben, damit sie weiterhin aktiv im Leben ihr Alter würdevoll genießen können.
Liebe Gäste,
Ich frage mich, was wirst Du selber im Alter tun?
Ich werde mich um die Gestaltung meines Stadtteiles kümmern. Ich werde ein Erzählcafé sowohl in den Schulen als auch im Stadtteil durchführen, in dem sich viele Generationen aus vielen Kulturen treffen und im Miteinander austauschen können.
In meinem Erzählcafé lasse ich die Menschen einen Regenbogen malen, der viele Farben in sich vereint und Sehnsucht in die Zukunft trägt. Ich werde in Kindergärten und Schulen gehen, um meine Gegenwart an unsere Kinder weiterzugeben. Ich werde der Märchenerzähler unseres Stadtteils werden.
Ich wünsche mir, dass alle Stadtteile einen oder mehrere Märchenerzähler wie Stadtschreiber finden können, damit das Leben für unsere Kinder spannender und reicher wird.
Eine stadtteilorientierte Sozial- und Kulturarbeit sollte von der Stadt gefördert und aufgebaut werden, indem auch die interkulturelle Elternarbeit eine wichtige Säule wird.
Ein Stadtteil ohne kulturelle Vielfalt ist wie ein trockener Baum ohne Blätter. Ein Garten ohne Vielfalt der Blumen ist kein Garten mehr. Bäume sollen meinen Stadtteil schmücken, damit an deren Ästen die Vögel zwitschern können. In der Morgendämmerung möchte ich mit den Stimmen der singenden Vögel aufwachen.
Mein Stadtteil soll ein Sozial- und Kulturraum für Arme, Reiche, Flüchtlinge, Zuwanderer und vor allem für die kinderreichen Familien sein, damit das Leben durch die Vielfalt der Menschen bereichert wird. Auch die Solidarität in der Nachbarschaft wird in meinem Stadtteil groß geschrieben, denn ohne eine solidarische Gesellschaft werden wir einsamer denn je.
Die Generation meiner Gegenwart soll die Initiative ergreifen, um den Stadtteil der Zukunft zu verwirklichen. Es ist kein Traum, eher eine Vision der Gegenwart, der erste Stein für meinen Stadtteil der Zukunft.
Dies ist meine Sicht der Integration, der eine Herausforderung für uns alle sein soll, damit ein friedliches Miteinander der Kulturen gelingt.
Liebe Gäste,
ich stelle mit Freude fest, dass in den letzten Monaten, mit der steigenden Zahl der Flüchlinge, die auch nach Bonn kommen, meherere Hundert Bonner und Bonnerinnen sich aktiv für die Belange der Flüchtlinge einsetzen, die Arbeit mitgestalten und einen Grundstein für die gemeinsame Zukunft stellen.
Mein Dank geht an alle Personen, die unsere Arbeit unterstützen, mitgestalten und fördern. Hier möchte ich insbesondere unserer Integrationbeauftragten Frau Manemann danken, dass sie mit ihrem Team uns die Arbeit leichter macht, indem sie uns unermüdlich zur Seite steht.
Liebe Gäste,
Mein herzlicher Dank geht an unsere Kooperationspartner und Unterstützer, die uns zum Teil schon über viele Jahre lang begleiten:

Hier möchte ich der Bundesstadt Bonn, dem Haus der Geschichte, der Landesregierung, der Landeskirche und auch unserem Kirchenkreis für ihre Unterstützung danken.
Mein Dank gilt auch den vielen Initativen, die uns durch ihre Teilnahme an der Buchmesse unterstützen sowie bei der Programmgestaltung mitgewirkt haben.

Ich hoffe, dass wir auch dieses Mal mit der Bonner Buchmesse Migration Brücken zwischen den Kulturen bauen und in einer Zeit, in der wieder Fremdenfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen zunimmt, ein Zeichen für Toleranz und Offenheit setzen.

Mein Dank gilt allen Autoren, Künstlern und Verlagen.

Wir freuen uns alle, dass Sie, liebe Gäste, heute hier sind und damit zum Ausdruck bringen, dass unser gemeinsames gesellschaftliches Zusammenleben uns allen ein besonderes Anliegen ist.
Mein besonderer Dank geht auch an die vielen Ehrenamtlichen sowie Praktikanten und Mitarbeiter des BIM e.V., die diese Veranstaltung mit ihrem Engagement in besonderem Maße mittragen.

Liebe Freunde der Buchmesse,
Ohne Eure Hilfe würde das alles hier nicht laufen! Mit den Worten, mit denen Bücher schreiben, werden wir Hass und Gewalt besiegen.

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