Umwelt und Umweltbewusstsein im Alevitentum (Februar 2015 bis Februar 2016)

Das anatolische Alevitentum ist in unserem Institut bereits seit einigen Jahren ein zentrales Thema. In der ersten diesbezüglichen Veröffentlichung Dersim-Aleviten in Deutschland – gelebter Glaube oder verlorene Identität? ging es darum, ein Bild von Befindlichkeiten und Einstellungen heutiger Alevitinnen und Aleviten in Deutschland zu zeichnen. Ein Gastbeitrag des Historikers Klaus Gebauer in dieser Veröffentlichung warf ein Licht auf das Alevitentum, wie es in der aktuellen Diskussion selten in dieser Klarheit getan wird: Er zeichnete die Geschichte des Alevitentums von seinen Wurzeln in mesopotamischer Zeit bis heute nach. Es ist eine sehr lange und komplexe Geschichte, in der der Islam, dem das Alevitentum häufig zugerechnet wird, eher beiläufig eine Rolle spielt. Im Vordergrund von Gebauers Erörterung stehen stattdessen die Herkunft aus den kargen Bergregionen Anatoliens und das daraus entstandene Leben mit und in der Natur.

Wird das Augenmerk dann auf die zahlreichen Unterschiede zum orthodoxen Islam gerichtet, wird deutlich, dass die oftmals suggerierte Nähe zum Islam nur sehr eingeschränkt besteht. Sie bezieht sich auf einige Symboliken, Teile von Ritualen und verehrte Personen. Ansonsten fallen eher Unterschiede denn Gemeinsamkeiten auf:  Aleviten und Alevitinnen lehnen jeglichen Dogmatismus ab. Die Glaubensausübung ist nicht reglementiert, weder in Bezug auf allgemeine Glaubensfragen noch auf konkrete Fragen wie z.B. nach der Ausübung eines regelmäßigen Gebets (das tägliche rituelle Gebet ist im Alevitentum nicht üblich, Beten wird eher als sehr persönliche Zwiesprache mit Gott verstanden). Männer und Frauen sind gleichgestellt, was sich auch im selbstverständlichen Umgang miteinander widerspiegelt. Aleviten sehen im Menschen ein eigenverantwortliches Wesen, welches dazu angehalten ist, von seiner Vernunft Gebrauch zu machen und sich selbst kritisch zu hinterfragen. Zudem haben sie kein (rein) monotheistisches, sondern ein eher pantheistisches Gottesbild.

Auf die Frage hin, woher denn das Alevitentum seine Wurzeln bezieht,  stoßen wir auf die Natur, auf Jahrtausende alte Naturphilosophien und alevitische Überlieferungen aus den vergangenen Jahrhunderten. Überdies finden sich Rituale, in denen der Natur eine elementare Rolle als ein Ort zukommt, an dem sich einerseits Göttliches manifestiert und andererseits ein direkter Bezug zum menschlichen Schicksal hergestellt wird. Beispielhaft hierfür stehen der alevitische rituelle Gebetstanz, der Semah, in dem die Bewegung von Kranichen nachempfunden wird, heilige Orte in Anatoliens Natur oder Lieder wie die des alevitischen Dichters Aşık Veysel, der die schwarze Erde als seine treueste Geliebte besingt.

Rituale wie Cem und Semah mit ihren zahlreichen Bezügen zur Natur werden wieder vermehrt in Deutschland zelebriert. Es stellt sich aber dennoch die Frage, inwieweit Anhänger eines naturverbundenen Glaubens, die in einer technisch-industriell dominierten Welt und der natürlichen Umgebung entrissen leben, ihre einst enge Verbindung zur Natur aufrechterhalten können oder wollen.

Diese Frage interessiert auch deswegen, weil es in Deutschland dringend Konzepte dafür braucht, wie man umweltschonendes Verhalten (Stichworte Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung), was in Deutschland eher auf dem Rückzug denn auf dem Vormarsch ist, in weiten Teilen der Bevölkerung verankern kann. 2015 hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ein Projekt zu Religionen und Naturschutz ins Leben gerufen, in dem es genau darum geht, glaubensspezifische Ressourcen für umweltfreundliches Verhalten zu akt

Im Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.  verstehen wir unsere Forschung vor allem als alltagsrelevant: wir stehen in direkter Kommunikation mit der Wirklichkeit, die uns umgibt und zum Handeln drängt. „Umwelt und Umweltbewusstsein im Alevitentum“ wurde daher als praxisorientiertes Projekt mit einer explorativen Begleitstudie gestartet. Es ging zunächst um eine (erstmalige) wissenschaftliche Beleuchtung der Thematik, aber auch darum, welche Ansätze im Sinne einer möglichen Verhaltensänderung hin zu umweltfreundlichem Verhalten genutzt werden können. Aus dem umfänglich vorhandenen Material wurden erste Thesen zum Verhältnis der Aleviten in Deutschland zur Natur entwickelt, auf die unsere Zusammenarbeit mit alevitischen Gruppen ausgerichtet werden konnte. Die Ergebnisse der Begleitforschung wurden auf einer Tagung im November 2015 im Rahmen der Bonner Buchmesse Migration der Öffentlichkeit vorgestellt.ivieren. Zeitgleich mit dem Beginn unseres Projektes fand in Bonn eine Tagung mit dem Titel „Religionen und Naturschutz – gemeinsam für biologische Vielfalt“ statt, auf der sich neben VertreterInnen von sieben anderen Religionsgemeinschaften auch alevitische Vertreter einfanden.

Wie in qualitativen Studien üblich, sind erhebliche Mengen an Text und interpretierbarem Material zusammengekommen, die Raum für weiterführende Auswertungen bieten. Wir freuen uns immer über Interessierte, die im Rahmen einer Bachelor- oder Masterarbeit oder aus anderen Zusammenhängen heraus mit unseren Daten weiterarbeiten möchten. Auch Themen, die über Natur und Alevitentum hinausgehen, finden sich in den transkribierten Interviews. Die hohen narrativen Anteile ließen viele zusätzliche Inhalte oder Aspekte aufscheinen, beispielsweise das immer noch belastete und belastende Verhältnis der Aleviten zu den Muslimen aus der Türkei oder Beziehungen zwischen den Generationen.

Sollten Sie Interesse daran haben, mit unseren Daten weiter zu arbeiten, wenden Sie sich gern an uns unter wagner@bimev.de . Wir freuen uns ebenfalls über inhaltliche Anregungen und Kritik – die Sozialwissenschaft lebt vom Austausch!

Sämtliche im Projekt erarbeiteten Materialien, zusätzliche Informationen zum Thema sowie ein ausführlicher inhaltlicher Abschlussbericht sind einsehbar auf der Webseite des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in NRW.

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