Wer rettet wen? Filmpremiere im MIGRApolis-Haus der Vielfalt

18. Februar 2015 | Kategorie: Artikel

Die Krise als Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit

Ein Bericht von Aanchel Kapoor

Unter regem Zuspruch fanden am Mittwoch, dem 11. Februar im Bonner MIGRApolis-Haus der Vielfalt ein Filmabend und eine Diskussion unter dem Titel  „WER RETTET WEN?“ statt.  Der Film feierte an diesem Tag zeitgleich in mindestens 200 europäischen Städten Europas Premiere, unterstützt von zahlreichen Organisationen, wie zum Beispiel von ATTAC, Greenpeace, LobbyControl, Oxfam, ver.di und der Hans-Böckler-Stiftung.

Der neue Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz wirft einen aufklärenden Blick auf ein Thema, das vielen in bisherigen Diskussionen unverständlich geblieben ist. Experten und Betroffene in Griechenland, Spanien, Irland, USA, Deutschland und Island stellen das Thema in seiner ganzen Bandbreite dar und diskutieren Probleme, Ursachen und Chancen.  Wer rettet wen? Die Reichen die Armen? Die Troika die europäischen Staaten? Die Politiker den Euro?Die Rettungsschirme Europa? Oder die Steuerzahler die Banken?

Seit 2000 werden Banken und Länder gerettet und die BürgerInnen tragen Kosten und Risiken. Öffentliche Einrichtungen werden privatisiert, die Grundrechte werden in die Verantwortung von nicht-demokratischen Unternehmen gelegt und die Demokratie in Europa wird abgebaut. Die Retter sind die Täter: „Nie ging es um die Rettung der Griechen, nie um die der Spanier oder Portugiesen. Stets geht es nur um das Wohl der Hauptverdiener an diesen Krisen“, so heißt es auf der whos-saving-whom Webseite. Es wäre sicherlich unangemessen und verschwörerisch zu behaupten, die Banken und ihre Gläubiger hätten die Finanzkrise geplant, aber wenn man der Sache auf den Grund geht – so wie es der Film tut – zeigt sich doch, dass gerade sie, die erheblich die Finanz- und Eurokrise verursachten, aus der Krise Kapital geschlagen haben. Sie haben es geschafft die Finanzkrise sogar in ein profitables Geschäftsmodell umzumünzen. In den Worten von Prof. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung: „Es ist geradezu das Geschäftsmodell der Banken, darauf zu setzen, dass im Krisenfall, die Staatengemeinschaft zur Rettung herbeigerufen wird. In guten Zeiten macht man Gewinne, schüttet sie aus an die Aktionäre, das Geld ist weg. In schlechten Zeiten setzt man darauf, dass der Steuerzahler zur Hilfe kommt und die Verluste trägt.“ Recht auf Schulden statt sozialer Rechte.

Der Film WER RETTET WEN? ist allerdings kein Aufruf zur Hoffnungslosigkeit. Die BesucherInnen diskutierten im Anschluss an die Filmvorführung angeregt über politische Alternative, die Zukunft der Demokratie und über verschiedene Beispiele der Umverteilung von oben nach unten, vor allem durch Entschuldung. Eine Variante ist die sogenannte Schuldenaudit, wie sie in Lateinamerika vorgenommen wurde. In Ecuador wurde so die komplette Entschuldung des Staats erreicht. In Island hat sich das Volk in mehreren Volksabstimmungen der Bankenrettung durch die Bürger verweigert. Die Gläubiger wurden nicht entschädigt. In den USA gibt es organisierte Schuldenstreiks, bei denen sich Menschen kollektiv der Tilgung ihrer Privatschulden verweigern. Unter anderem stellte sich an diesem Abend die Frage nach Möglichkeiten des Widerstandes auch hierzulande. Wichtig sei es vor allem sich zu informieren, zu versammeln und zu protestieren. Das Allgemeinwohl hat angesichts der Macht des Finanzmarkts nur eine Chance, wenn Bürger anfangen, ihre Interessen in dem „Spiel der Milliarden“ zu erkennen, die wesentlichen Strukturen und Mechanismen des Finanzkapitals zu durchschauen.  In diesem Sinne ist eine weitere Filmvorstellung am 29.03.2015 in der Brotfabrik zu empfehlen!

Durch den Abend führte der Sozialwissenschaftler  J. Michael Fischell vom Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.

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