Wie antisemitisch sind deutsche Israel-Kritiker? Café Palestine mit Rolf Verleger am 10.5.2015

12. Mai 2015 | Kategorie: Artikel

Ein Bericht von Linde Goubert

„Über die Juden sollte man besser nicht sprechen.“ Das war eine der Äußerungen, zu denen 1000 Leute im Rahmen einer Studie Stellung nehmen mussten. Die Studie, die 2010 von Prof. Wilhelm Kempf in Konstanz durchgeführt wurde, beschäftigte sich damit, ob die Deutschen aus Abneigung gegen Juden mit Palästina sympathisieren würden. Am 10.05.2015 hat das Institut für Palästinakunde (IPK) den Projektberater, Prof. Dr. Rolf Verleger, in das MIGRApolis-Haus der Vielfalt eingeladen, um die Ergebnisse zu präsentieren. Rolf Verleger ist Professor für Psychologie und ehemaliges Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Die Studie beruht auf einer repräsentativen Stichprobe von 1000 Menschen. Zu den Themen Antisemitismus und Antizionismus wurden Äußerungen vorgegeben, die die Befragten als sachlich rechtfertigbar oder als unbegründetes Vorurteil einzuordnen hatten. Ein Beispiel einer solchen Äußerung neben „Über die Juden sollte man besser nicht sprechen“ war „Juden haben etwas Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“. Diesen stimmten 10% der Befragten zu. Je nachdem um welche Frage es ging, haben zwischen 7% und 43% der Leute zugestimmt. Dabei hat sich die Frage gestellt, wie die erhobenen Daten zu interpretieren sind.

Um das herauszufinden, haben die Studienleiter auch folgende Themen abgefragt: Einstellungen gegen Israel, Einstellungen gegen Palästina, ethnische Einstellung, Gefühlte Nähe zum Konflikt, Vor- und Nachteile von Krieg und Frieden, Positionierung im Konflikt. Anhand der Antworten auf diese Fragen konnten neun Muster von Einstellungen identifiziert werden, die zu drei Obergruppen zusammengefasst werden konnten. Die erste Gruppe bildeten die „Israelfreunde“, zu denen 31% der Befragten gehören. 44% gehören der Gruppe der „Palästinafreunde“ an. Verleger wies darauf hin, dass diese Daten den Annahmen von einigen Politikern widerspreche, nach deren Meinung die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten Israels stehe. Die dritte Gruppe bildeten die Rechten, die teilweise für Israel, teilweise für Palästina seien, sich aber vor allem dadurch kennzeichnen, dass der Konflikt sie im Allgemeinen nicht interessiere.

Wenn es um die Konfliktlösung geht, seien die „Israelfreunde“ davon überzeugt, dass diese nur gewaltsam erreicht werden könne. Die „Palästinafreunde“ auf der anderen Seite seien, so behauptete Verleger, „auf der Kippe“. Auch an dieser Stelle hat Verleger auf die Diskrepanz zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung hingewiesen. Nach  Meinung der Bundesregierung seien die Deutschen mehrheitlich für eine friedliche Lösung des Konflikts. Was Menschenrechte betrifft, seien diese für beide Gruppen wichtig, anders als für die Gruppe der Rechten. Weiter  wiesen die „Palästinafreunde“ mehr Kenntnisse über den Konflikt als die „Israelfreunde“ auf. Schließlich wies die Studie auf, dass wer etwas gegen Juden hat, auch etwas gegen Palästina und den Islam hat. Die Ausgangsthese, ob die Deutschen aus Abneigung gegen Juden mit Palästina sympathisieren, hat sich somit als falsch erwiesen.

Nach dem einstündigen Vortrag konnte das Publikum Kaffee und Kuchen genießen, bevor es mit der Diskussion weiterging. Im Allgemeinen hat sich das Publikum der Studie gegenüber kritisch ausgelassen. So wurde angemerkt, dass die Fragen immer antisemitisch angefragt wurden und teilweise unklar seien. Außerdem sei die Aufteilung der Bevölkerung in drei Gruppen viel zu undifferenziert und dichotomisch, ebenso seien die sogenannten „Israelfreunde“ in Deutschland in der Öffentlichkeit doch sehr wirksam. Verleger gab den Kritikern teilweise Recht, und gab auch mehrmals an, überfragt zu sein. In der Diskussion stellte sich auch heraus, dass die repräsentative Stichprobe dadurch zustande kam, dass Kempf seinen Studenten die Aufgabe gegeben hat, eine bestimmte Anzahl von Fragenbogen ausfüllen zu lassen. Daraufhin bezweifelte jemand die Repräsentativität der Stichprobe, dem auch verschiedene andere Zuhörer zustimmten. Von  anderer Seite bekam Verleger aber auch Lob für seine Darstellungen.

Die zahlreichen Zuhörer und die lebhafte Diskussion zeigten, dass das Interesse in Deutschland für den Konflikt im Nahen Osten vorhanden ist. Was positiv ist, denn wie Rolf Verleger angab, sei es eben wichtig, dass man für sich selbst einen klaren moralischen Kompass habe.

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