Zwischen den Welten

8. August 2013 | Kategorie: Artikel

Projektvorstellung und Podiumsdiskussion über transnationale soziale Räume in Bonn lebender Migranten und Migrantinnen (Migrapolis-Haus der Vielfalt, 27. Juni 2013)
Bericht von Felix Hevel mit Fotos von Jürgen Gregori

Aus dem Unbehagen gegenüber einer meist defizitorientierten Berichterstattung über Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland haben Master-Studierende der Geographie in Bonn in Zusammenarbeit mit der Studenteninitiative Weitblick Bonn e.V. im Rahmen eines Forschungsseminares das alltägliche Leben von  Zuwanderern und Zuwanderinnen aus einer alternativen Perspektive untersucht. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden die transnationalen Beziehungen der Migranten und Migratninnen ausdrücklich als mögliche Chancen für ein gutes Leben in Bonn in das Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Die Ergebnisse mündeten in einen spannenden, etwa hundertseitigen Forschungsbericht.

Schon zu Beginn der Planung des Projektes war man sich einig, dass die Erkenntnisse der Studie auch in Debatten außerhalb der Universität eingebracht werden sollten. So wurde die Studie bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturellem Lernen BIM e.V. und der Evanglischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit (EMFA) / Integrationsagentur Bonn im Migrapolis-Haus der Vielfalt, dem Geographischen Institut der Universität Bonn und dem Weitblick Bonn e.V. am 27. Juni im Migrapolis-Haus der Viefalt einer breiten Zuschauerschaft vorgestellt. Darauf folgte eine spannende Podiumsdiskusson mit Fatna Bussler, einer Teilnehmerin der Studie, Dr. phil. Hıdır Çelik, Vorsitzender des BIM e.V., Leiter der EMFA und der von MIGRApolis-Deutschland, Ulrich Hermanns von der Stabstelle Integration der Bundesstadt Bonn, Stephanie Matthes, Initiatorin des Lernpatenschaftsprojektes KOMBO von Weitblick e.V., Lukas Gregori, Geographie-Student an der Universität Bonn, und Dr. Benjamin Etzold, Migrationsforscher am Geographischen Institut der Universität Bonn. Die Resonanz des Publikums war überwältigend; der Saal war gefüllt, Zuhörer standen bis auf die Straße.

Dem interessierten Publikum berichteten Stephan Eibisch, Lukas Gregori und Benjamin Etzold, der für sie verantwortliche Dozent, von ihren Erkundungen im migrantischen Bonn. Es zeigte sich im Rahmen der Studie, dass viele der interviewten Bonner Immigranten und Immigrantinnen trotz eines großen Willens zur Annäherung an die Aufnahmegesellschaft immer wieder auf Widerstände und Hürden stoßen, die ihnen ein wirkliches Ankommen in Bonn stark erschweren. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt haben die teilweise hochqualifizierten Bonner Neu-Bürger mit großen Vorurteilen und Benachteiligungen zu kämpfen. So sagte ein arbeitssuchender 43-jähriger Zuwanderer im Interview: „Ich habe in Marokko immer gearbeitet, für 12, 14 Stunden. Und wenn du 14 Jahre gearbeitet hast und kommst nach Deutschland und hast keine Arbeit, sitzt nur zu Hause bei den Kindern: Das gefällt mir nicht.“ Eine Mutter berichtet gar von rassistischen Übergriffen auf ihren dreizehnjährigen Sohn: „Er hatte ein Problem mit anderen Kindern in der Schule. Die wollten ihn verprügeln weil er arabisch ist. Das ist nicht gut. Sie gucken auf uns, weil wir arabisch sind. Sie denken, wir hätten kein Recht hier zu sein.“

Die Studie zeigte jedoch auch, dass viele zugewanderte Menschen ihre neue Heimat in Bonn mit positiven Gefühlen und Erfahrungen erleben. So sagte eine aus dem Irak geflohene junge Frau: „Wir sind eigentlich glücklich hier. Freiheit und kein Krieg. Das ist das, was uns glücklich macht.“ Ein zwölfjähriger Junge beschreibt seine Erfahrungen in großer Dankbarkeit: „Ganz ehrlich gesagt, denke ich immer, dass ich das glücklichste Kind auf der Welt bin. Manchmal machen wir Sachen, die die andere Kinder gar nicht tun können.“ Die Bedeutung der Familie, auch in der neuen Heimat, beschreibt eine aus Polen stammende Migrantin: „Also da wo meine Familie ist, da fühl ich mich auch heimisch“.

Für viele Immigrantinnen und Immigranten ist es die Balance zwischen Integration und Rückbezug in Praktiken und Netzwerke der Herkunftsregion, die ihre Situation in ihrer neuen Heimat bestimmen. Die Navigation „zwischen den Welten“ ist für viele zum zentralen Thema ihres Lebens geworden. Dieser Balanceakt ist für viele Befragte zwar oft herausfordernd, doch birgt er auch große Chancen für ein gutes transnationales Zusammenleben in Bonn. Auf die Frage, nach nationalem Zugehörigkeitsgefühl antwortet eine Befragte: „Ich kann nicht sagen was ich bin. Ich bin weder Polin noch Deutsche. Ich bin wie ich bin“:

Die Diskussion mit den Experten auf dem Podium und den Zuschauern unterstrich, dass Integration als ein fließender und andauernder Prozess zu verstehen sei, der von der Aufnahmegesellschaft und den Zuwandererinnen und Zuwanderern gemeinsam gestalten werden müsse. Die Migrantinnwn und Migranten müssten sich dabei keineswegs von ihrer „Heimat“ lösen, sondern sollten sich im transnationalen Raum zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland weiter selbstbewusst zu ihren kulturellen Wurzeln bekennen können. Aber auch in Deutschland geborene und sozialisierte Bürgerinnen und Bürger seien in der Verantwortung, sich ihrerseits um eine Integration in eine vielfältige Gesellschaft zu bemühen. So sei eine interkulturelle Öffnung des Arbeitsmarktes und der städtischen Verwaltungsstrukturen unabdingbar für eine gutes Zusammenleben in Bonn. Weiterhin forderten die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer eine stärker potentialorientierte Debatte über Migration und Integration in Bonn und regten dazu an, „Mehrheimatlichkeit“ und Migrationserfahrung als Bereicherung für Menschen und Gesellschaft zu betrachten.

Die Ergebnisse der Studie werden in Kürze veröffentlicht. Bei ersten Rückfragen wenden Sie sich bitte an Dr. Benjamin Etzold (etzold@giub.uni-bonn.de).

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