Zwitterhaftes Rosa, Phatisches Schweigen und Musik – Bonner Ausblicke mit Cathrin Sehrer und Gregor Schaumann

25. August 2014 | Kategorie: Artikel

Ein Bericht von Jutta Reimann-Poigné

Nach der Sommerpause wurden die „Bonner Ausblicke“ am 20. August von Cathrin Sehrer  (Jg. 1983) eröffnet. Musikalisch begleitete  sie am Klavier der gleichaltrige  Gregor Schaumann. Die junge Lyrikerin und Autorin ist in der Bonner Literaturszene keine Unbekannte. Als es sie vor Jahren des Berufs wegen nach Bonn verschlug, setzte sie es sich zum Ziel, die etwas angestaubte Bonner Kulturszene mit aufzumischen und den Raum für nicht-kommerzielle Kultur zu erweitern. So gründete sie die Lesebühne des Kulturnetzwerks Rhizom (www.rhizom-bonn.de). Über das Nur-Konsumieren  von Literatur  ist Cathrin Sehrer schon lange hinaus, sie schreibt seit Teenie-Zeiten Gedichte, Episoden, Kurztexte. Beobachtungen aus dem Alltag, Liebe, Zwischenmenschliches sind die Themen.  Zu ihrer Organisation des Schreibens sagt Cathrin Sehrer: Einmal inspiriert, seien die Texte schnell niedergeschrieben – sie überarbeite sie selten.

Die Autorin und Dichterin begann die Lesung mit zwei Gedichten. In Schwarze Striche auf Papier macht sie sich Gedanken über das Schreiben. Einmal gefasst, sind die Gedanken auch schon niedergelegt – Worte, Satzfragmente bestimmen das assoziative menschliche Denken; und wenn diese aufgeschrieben werden, kommt es eben zu einem expressiven „Stakkato“ aus schwarzen Strichen.

Fast prosaisch ist hingegen die Kleine Blume, die das lyrische Ich ein kleines Stück seines Weges begleitet, es inspiriert und beglückt, ihm Halt geben kann, „fest verwurzelt“, aber auch fordernd ist, den „letzten Tropfen“ Wasser aufnehmend.

Diese Ambivalenzen des Lebens zeigen sich gleichfalls in der kurzen Erzählung Vorfrühlingserlebnis. Das liebeskranke Ich begegnet auf einem Vorfrühlingsausflug den Boten des Frühlings wie der Sonne oder aus der Schneedecke hervorbrechenden Blumen. Es erfreut sich an Murmeltier, Eichhörnchen, Fuchs und Flamingo.  Die Zwitterfarbe Rosa, die leitmotivisch immer wieder auftaucht, entspricht dieser  Vorfrühlingssituation, in dem das  kalte Weiß sich in Eiskristallen, Raureif, der Schneedecke widerspiegelt und sich das Rot des Sommers noch nicht zeigt. Das Ich möchte dem rosafarbenen Flamingo auf das Eis, in die Kälte und Bedrohung folgen, kann das aber nicht, sein „Herz“ hindert es. Das Herz wird zum Antagonisten, der mit dem Willen (dem Verstand?) in einen Dialog eintritt. Das Herz ist „wütend“ über den Fluchtversuch des liebeskranken Ichs auf das Eis und somit in die Kälte und konstatiert sachlich: „Wir kleben fest“. Das Herz wähnt sich im Gefängnis, möchte den „Stäben“ desselben entkommen.

Auf diese  symbolbeladene  Erzählung über eine  nicht mehr sehr enge  oder einfach nur kriselnde Beziehung, eine rosafarbene eben,  folgt die recht romantische Musik, die Gregor Schaumann selbst komponiert hat. Lässt sie auf einen Sieg des Herzens schließen? Hier zeigt sich eindrucksvoll, wie geglückt die   Verbindung von Literatur und Musik ist, dass die Musik nicht nur Beiwerk ist,  sondern interpretatorischen Charakter hat.

Ganz anders hämmert Gregor Schaumann in die Tasten im Anschluss an den im Comicstil gehaltenen Der Junge. Dieser sehr kurze Text über einen fremd bleibenden Jungen endet mit den Worten: „Er schießt.“

Im Gegensatz zu dem drangvollen Der Junge steht Phatisches Schweigen. Das ist  jenes Schweigen, das mehr als viele Worte dem Gegenüber mitteilen kann, dass ihm Verständnis, Empathie entgegengebracht werden. Schnörkellos versteht die Autorin es, die Binsenweisheit „Schweigen ist Gold“ in literarische Worte zu fassen.

Gesellschaftliche Antagonismen zeigt gleichfalls die Erzählung Mädchen. Emanzipation wird hierin zum Panzer und zur Bürde. In einem Dialog mit einem jungen Mann stellt sich die junge Frau als emanzipiert dar. Hilfe, etwa für das Reparieren einer Waschmaschine lehnt sie ab. Sie wehrt sich gegen Zuschreibungen, könne solche Arbeiten selbst erledigen. Kann sie das tatsächlich? Im Zwiegespräch mit sich gibt sie zu, dass der Versuch, die Waschmaschine zu reparieren, wohl nicht als geglückt angesehen werden kann. Woher aber kommt dieses Streben nach Alleskönnen, dieser  falsch verstandene Ehrgeiz?  Eine Rückblende in die Kindheit evoziert möglicherweise die Antwort. Schon das Fahrrad war zu große für das Mädchen. Das kleine „Mädchen“ kam natürlich auch nicht an die Bonbons hoch oben, der große Junge schon.  Schließlich gibt das Mädchen auf, ist bereit, sich dem Jungen, dem „Mädchen“-Sager anzuschließen.

Der Text Mädchen zeigt exemplarisch, wie lapidar und doch kunstvoll mit unterschiedlichen Stilmitteln – hier der Filmsprache entnommen – die Autorin arbeitet. Die Texte zeigen  Träume und deren Unerfüllbarkeit, stellen Alltäglichkeiten bloß oder zeigen diese auch einfach nur auf. Sie thematisieren  menschliche Gegebenheiten wie etwa zeitweiligen Lebensüberdruss und immer wieder das Mit- und Gegeneinander der Geschlechter. Somit zeigen sie eine junge Generation,  die nicht ganz so selbstsicher ist, wie sie sich manchmal gibt, wenn sie sich unter „Kopfhörern“ verbirgt (Restaurantbesuch).

Ist es nicht  das ewige Thema der Sehnsucht nach dem anderen,  wenn der Schmerz über den fort gegangenen Geliebten „getaped“ ist?

 

 

 

 

 

 

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