Knut Andresen – Nordischer Charme in den Bonner Ausblicken

26. März 2014 | Kategorie: Artikel

Am 19. März las Knut Andresen aus seinem Versepos „Der lange Weg nach Raaruus“. Die Begegnung mit dem Dichter und bildenden Künstler aus dem nördlichsten Anwendungsgebiet der deutschen Sprache versprach eine in den „Bonner Ausblicken“ rare Gelegenheit zu werden, die brilliante Klarheit der Sprachbilder des Nordens in einem fulminanten Vortrag zu erleben. Einen ausführlichen Bericht zu dem Abend mit Knut Andresen können Sie hier lesen.


von Jutta Reimann-Poigné

Aus Husum, Storms graue(r) Stadt am Meer, fand der Dichter Knut Andresen am 19. März den Weg nach Bonn ins Haus Migrapolis. Dort las er im Rahmen der Bonner „Ausblicke“ aus seinem Versepos Der lange Weg nach Raaruus.

Knut Andresen wurde 1938 in Friedrichstadt an der nordfriesischen Küste geboren  und arbeitete  zunächst als Sozialpädagoge und Gestalttherapeut. Seit 1985 ist er hauptberuflich als freier Künstler tätig, als Maler und als Dichter. Im November  2010 begann Andresen die Arbeit an seinem Versepos, an dem er seither regelmäßig jeden Vormittag arbeitet, für etwa drei Stunden.  Das Langgedicht umfasst mehrere Abschnitte, ein Abschnitt wiederum 99 Gedichte. Jedes Gedicht wiederum ist mindestens 2,5 Seiten lang. So regelmäßig die formalen Elemente bisher scheinen, die Rhythmen sind der Gedichte sind frei. Als Thema des Epos bezeichnet der Dichter (seine) Lebenswanderschaft, Gedanken, Erinnerungen,  Träume. Das Ziel der Wanderung sei unbekannt, der Ort Raaruus erfunden.

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Knut Andresen liest, Foto: Rainer Maria Gasse

Er wisse morgens nicht,  was er schreiben wolle, umfasst Andresen  seine  auf Eingebung  basierende Arbeitsweise.  Als Vorbilder bezeichnet er Nelly Sachs, Paul Celan, Jean Persé,  Odysseas Elytis ,  Ezra Pound, T. S. Eliot,  Ali Ahmed Said, genannt Adonis, aber auch die Beatniks, und da v. a. Alan Ginsberg.  Während seine Vorbilder zumeist  ein eher unstetes Leben führten oder führen mussten, ist das von Knut Andresen bodenständig. Seine Heimat, Nordfriesland, verlässt er für drei Monate im Jahr, um nach Norwegen, in die Nähe von Oslo, zu ziehen. Dort lebt er allein  in einer Hütte im Wald, ohne Strom und fließendes Wasser, malt, dichtet und wandert.

Diese Naturverbundenheit spiegelt sich in seinen Versen wider. Obwohl er seinen Vortrag mit der Mahnung beginnt, sich der Poesie der Worte nicht dadurch  zu entziehen, dass man versuche, auf schulmeisterliche Art der Intention des Gesagten nachzugehen,  versucht die Verfasserin des Artikels dies immer wieder.  Die zunächst vorgetragenen Gedichte sind Hymnen an die Natur. Neologismen wie Ätherspirale, Lungentor, Wiedergedanke oder Anrufe  Oh, diese Wildnis und Oh Stern, ich tanz mit dir geben ein fast pantheistisches Weltbild wieder, in dem die Natur heilige Züge annimmt. Überhaupt werden Reminiszenzen an die Naturverbundenheit des Sturm und Drang wach: Oder erinnert Knabenkraut (51. Vers) nicht an die Knabenmorgen-Blütenträume des göttlichen Prometheus? An Ozon (51.Vers) allerdings dachte Goethe seinerzeit noch nicht.

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Knut Andresen und der lange Weg nach Raaruus, Foto: Rainer Maria Gassen

Der warnende Rufer zeigt sich deutlich im 115. Gedicht, wenn vorn dem drohenden Menschenhirn, der schamlosen Gier, dem schmelzenden Eis und den vertriebenen Bewohnern gesungen wird. Ich schrie aus Leibeskräften. Was soll aus den Halligen werden? mahnt der Sprecher  des Gedichts eindringlich. Auffällig auch die Sentenz Wahn bleibt als eine rettende Idee. Sind es die „Cantos“ Pounds, die in diesen Worten mitklingen?

Anrührend der 230. „Vers“, der Nelly Sachs gewidmet ist.  Das Gedicht zeigt einen dialektischen Aufbau, eine erste und zweite Stimme wechseln sich ab, antworten einander oder widersprechen sich. Die Verzweiflung von Nelly Sachs angesichts des jüdischen Schicksals scheint aufgegriffen zu sein in den Worten der ersten Stimme: Wie we rden wir leben? und der Antwort der 2. Stimme: Wir überleben.

Obwohl eines der wegweisenden Elemente der Literatur der Moderne scheint das Langgedicht in der Gegenwart etwas aus der Mode gekommen zu sein. Aktuell ist es der Chinese Yang Lian („Konzentrische Kreise“), der als einer der wenigen weltweit bekannten Verfasser von Langgedichten gilt. Für die Zuhörer im Hause Migrapolis jedenfalls war der Vortrag Knut Andresens eine Bereicherung, und so bedankte sich der Moderator Rainer Maria Gassen zu Recht mit den Worten „Das war keine Lesung, das war ein Konzert“ bei Knut Andresen für seinen wunderbaren, eindringlichen  Vortrag.

 

 

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