Memoiren einer untypischen Gastarbeiterin. Buchvorstellung im Rahmen der 8. Bonner Woche der Kulturen.

9. Dezember 2014 | Kategorie: Artikel

Ein Bericht von Jutta Reimann-Poigné

Emine Balfi, Foto: Jürgen Eis

Emine Balfi, Foto: Jürgen Eis

Über ein den meisten Zuhörern und Zuhörerinnen unbekanntes Kapitel der Gastarbeitergeschichte berichtete Emine Balfi am 2. Dezember im MIGRApolis-Haus der Vielfalt in Bonn.  Dass sie,  so wie andere Türkinnen in den 60er Jahren, allein nach Deutschland gekommen war, um hier zu arbeiten, rief Erstaunen hervor. Die Frauen – so auch Emine Balfi  – waren z. T. in der Türkei verheiratet und hatten dort Kinder. Sie gingen nach Deutschland, um für das Familieneinkommen zu sorgen, vielleicht auch mit dem Hintergedanken, einen eventuell vorhandenen Ehemann im Rahmen der Familienzusammenführung nachkommen zu lassen.  Möglich war das nach dem 1961 zwischen der Türkei und Deutschland abgeschlossenen Anwerbeabkommen.

Emine Balfi stammt ursprünglich aus der im Süden der Türkei liegenden Großstadt Adana und ist schon damit  untypisch, kamen doch viele Gastarbeiter aus ländlichen Regionen Nord-Anatoliens. Ohne Liebe, immer wieder mit Gewalt, mit einem  Maulbeerstock, wird sie von ihrer noch sehr jungen Mutter erzogen. Das Kind muss für den Haushalt sorgen und auch noch als „Stellvertreterin“  ihrer Mutter dienen, wenn die einmal keine Zeit für den Liebhaber findet.  So flüchtet sie aus einer von Lieblosigkeit, Gewalt und Missbrauch geprägten Jugend in die Ehe.  Diese erweist sich keineswegs als Rettungsanker. Der gut aussehende Ehemann denkt gar nicht daran, gewissenhaft für die Familie zu sorgen und auf seine wechselnden Geliebten zu verzichten. Auch er schlägt bald seine junge, allein auf sich gestellte Frau, die kaum Unterstützung durch die eigene Familie hat. So weiß sie wenig entgegenzusetzen, als ihr Mann ihr sagt: Du gehst nach Deutschland! Untypisch, wie manches im Leben von Emine Balfi,  scheint  der Vorwand zu sein, unter dem die 22-jährige zweifache Mutter nach Deutschland geschickt wird: Sie solle mit diesem Schritt ihre Ehe retten.  Die junge und naive Frau nimmt ihrem ungetreuen Ehemann diesen Vorwand ab  und gehorcht.

So einfach ist es dann aber zunächst nicht. Bei dem vorgeschriebenen Gesundheitstest stellt sich heraus, dass ihr ein Zahn fehlt und dass sie schwanger ist. Gegen den Willen des Ehemannes, aber mit der Unterstützung von dessen Mutter, setzt sie eine Abtreibung durch und ebnet so doch noch den Weg nach Deutschland.  1966 kommt sie in eine Fabrik in Spechbach, in der  Nähe von Heidelberg. Gemeinsam mit anderen türkischen Frauen lebt sie in einem zur Fabrikanlage gehörenden Heim, ist in einem Vierbettzimmer untergebracht. Balfi beschreibt, wie schwer diese Zeit besonders am Anfang zu ertragen war, geprägt von Heimweh nach der schönen Heimatstadt und natürlich vor allem nach den beiden Kindern. Von dem Stundenlohn von 2,50 DM muss sie ihren Unterhalt bestreiten, den Rest schickt sie in die Türkei.

Ein wenig Trost geben die Nähe von zwei Cousinen ihres Mannes, die Gegenwart der anderen Türkinnen und die immer enger werdende Beziehung zu dem Vorarbeiter in der Fabrik. Wenig erfreulich sei die Gegenwart der meisten türkischen Arbeiter in der Fabrik und im Ort gewesen, für die die auf sich gestellten  Frauen Freiwild gewesen seien. Seitdem kann ich keine Fords und keine Nadelstreifenanzüge mehr leiden, meinte Balfi.

Nach 11 Monaten kehrte die junge Frau in ihr Heimatland zurück, da ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland auslief.

In der Türkei stellt sich heraus, dass der ungetreue Ehemann keineswegs auf seine Freundin verzichtet hat,  wie vor der Abreise verbringt er eine Nacht bei ihr und eine Nacht bei seiner Frau.  Emine ist nicht bereit, diesen Zustand zu dulden, und beschließt, wiederum nach Deutschland zu gehen.  Ihr Mann ist damit einverstanden, hofft er doch, dass sie ihn nach 3 Monaten nachholt. Doch dies hat Emine nicht vor, sie schätzt ihre Freiheit und will sich nicht mehr einengen lassen. Sie geht zunächst zurück nach Spechbach, wo sie arbeitet und ihre Beziehung zu dem Vorarbeiter Alois Glück wieder aufnimmt. 1969 setzt sie die Scheidung von ihrem türkischen Ehemann gegen dessen Willen und trotz seines Versuches, sie mit dem Auto zu überfahren, durch.  Auch die Beziehung mit Alois Glück, der sich als immer einnehmender herausstellt, beendet sie.  Sie geht nach Eberbach, wo sie einige Jahre verbringt, sie arbeitet in verschiedenen Fabriken, wo sie z. T. körperlich schwere Arbeiten verrichtet, arbeitet in der Gastronomie und jobbt als Malerin und in einer Nachtbar. Sie arbeitet hart, aber lässt sich nicht mehr verbiegen. Wenn ihr die Arbeitsbedingungen nicht richtig erscheinen, sagt sie es, und eckt damit gerade bei ihren türkischen Landleuten an. Sie macht weite Reisen, kehrt aber auch immer wieder in ihre türkische Heimat zurück, ohne sich dort wirklich heimisch zu fühlen.

Schließlich lernt sie einen Deutschen kennen, den sie liebt und heiratet. Mit ihm zieht sie nach Bonn und dann nach Remagen, wo sie heute noch wohnt und etliche Ehrenämter bekleidet.

Das Leben – und somit die Autobiographie Balfis – ist geprägt von einer starken Abhängigkeit in der Jugend und auch während der Ehejahre in der Türkei. In Deutschland muss sie für sich und auch ihre Familie sorgen und wird somit immer selbstbewusster, lässt sich nicht verbiegen. Diese Selbstständigkeit hat ihren Preis, entfremdet diese sie doch ihren türkischen Landsleuten.

Das Buch wollte Emine Balfi eigentlich erst nach dem Tod ihrer Mutter schreiben – doch nach dem tragischen Verlust ihres Sohnes vor fünf Jahren beschloss Sie, wider ihrem Vorhaben, dieses Buch schon früher zu verfassen.
Neben der persönlichen Aufarbeitung ihres bewegten Lebens, soll das Buch gerade jungen Frauen Mut machen, sich, gleich welche Widrigkeiten das Leben bestimmen, niemals unterkriegen zu lassen.

 

Maulbeerstock und Minirock – Memoiren einer untypischen Gastarbeiterin ist im Free Pen Verlag erschienen und kann hier bestellt werden.

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